Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie. März 1923.
davon kann man sich leicht durch eine approximative Rechnung überzeugen. In
erster Annäherung darf man die Nordsee als Bucht konstanter Breite auffassen;
die Tiefe variiert von Querschnitt zu Querschnitt, es scheint jedoch, daß die
mittlere Tiefe vom inneren zum äußeren Ende äußerst gleichförmig zunimmt,
wie folgende Tabelle, in der für 13 Querschnitte, die in einer Entfernung von
je 60 km vom inneren Ende bis zum Übergang in den nordatlantischen Ozean
gezogen wurden, die mittlere Tiefe angegeben ist,
Trägt man sich diese Werte bei den
entsprechenden Querschnitten in ein Koor-
dinatensystem ein, so erkennt man, daß in
erster Annäherung eine fast lineare Ab-
hängigkeit der mittleren Tiefe von der
Entfernung vorhanden ist, die gestattet,
sich leicht einen Überblick über die Schwin-
gungsverhältnisse der Nordsee zu Ver-
schaffen. Für ein Becken solcher Form‘)
beträgt die Periode der freien Schwingung
Tı = 471 Für 1 =780.10%° m und
3.832 ygh
h=—150 m erhält man als Periode der
freien Schwingungen der Nordsee T; =—
18.05 Stunden, Das Verhältnis dieser Pe-
riode zur Gezeitenperiode Tx==12.3 Stunden
ist z=1.47. Dies zeigt an, daß die Mit-
schwingungszeit mit dem äußeren Meere in der Nordsee zwei Knotenlinien auf-
weist; ihre Lage findet man beim Querschnitt 2.4 bzw. 12.5, d. i. in einer Ent-
fernung von 144 bzw. 752 km vom inneren Ende. Da die Hafenzeit der Gezeit
am nördlichen Ende der Nordsee etwa 9.5h ist, müßte- demnach der Teil der
Nordsee zwischen den zwei Knotenlinien eine Hafenzeit etwa 3,5%, der innerste
Teil hingegen wieder eine Hafenzeit etwa 9.52 aufweisen. Sehen wir in den Be-
obachtungstatsachen zunächst von den Amphidromien, von denen wir ja wissen,
daß sie in erster Linie auf die Einwirkung der ablenkenden Kraft der Erd-
rotation auf die horizontalen Massenverschiebungen der Längsschwingung ZU-
rückzuführen sind, ab, so finden wir eine nicht schlechte Übereinstimmung mit
den Forderungen unserer angenäherten Theorie. Die kleine Entfernung der
inneren Knotenlinie von der deutschen Nordseeküste, die in den Beobachtungen
durch die südliche Lage des Amphidromiezentrums angedeutet ist, ist eine Folge
der regelmäßigen Tiefenabnahme von Norden gegen Süden; die zweite Knoten-
linie liegt der Theorie entsprechend etwas weiter nördlich als nach den Beob-
achtungen; aber dies will nicht viel besagen, da wir ja doch nur angenähert
rechnen können. Aus dieser Übereinstimmung können wir zunächst den Schluß
ziehen, daß die Nordseegezeiten in ihren Hauptzügen Mitschwingungsgezeiten
der Wassermassen mit der äußeren Gezeitenbewegung sind. Die Öffnung im
Südwesten (die Hoofden und die Straße von Dover) scheint zunächst keine
wesentliche Beeinflussung der Nordseegezeiten zu bedingen; ich glaube, daß auch
nur in diesem Sinne Lord Kelvins Behauptung?) aufzufassen ist, daß die tat-
sächlichen Gezeitenvorgänge in der Nordsee nördlich von 53° N-Br. nicht wesent-
lich andere sein würden, wenn die Straße von Dover durch eine feste Schranke
gesperrt wäre.
Die Einwirkung der ablenkenden Kraft der Erdrotation auf die horizon-
talen Wasserverschiebungen in der Längsschwingung, die ja an den Stellen
kleinster Hubhöhe (an den Knotenlinien ist sie Null) maximale Werte annimmt,
bedingt, daß die Knotenlinien sich zu Amphidromien umgestalten, die entgegen-
gesetzt dem Sinne des Uhrzeigers verlaufen. Die Berechnung dieser Amphi-
1) Siehe hierüber A, Defant, Untersuchungen, über die Gezeitenerscheinungen in Mittel-
and Randmeeren usw. I. Teil, Seite 6 bzw. 31.
2 W. Thomson (Lord Kelvin), Popular lectures and addresses, Bd. 3, 1891, S. 201.