Brennecke, W.: Neue Karten der Oberflächenströmungen des Atlantischen u. I ndischen Ozeans. 283
zwischen Brasilstrom und Westwindtrift. Letztere strömt in breitem Zuge nach
Nordosten und endigt in einer Konvergenzlinie, während der Benguelastrom ein-
fach von der Westküste Afrikas absetzt und keine Zufuhr von der Westwind-
irift erhält.
Das sind sehr eigenartige Gedankengänge, denen man nur schwer zu folgen
vermag. Wie steht es mit der Beweisführung? Ich greife das Ende der West-
windtrift in etwa 30° S-Br. heraus. Der Verfasser schreibt hierüber S. 30: „In
breiter Front strömt hier eine gewaltige Masse kalten Wassers äquatorwärts
und gelangt bis zu 30° S-Br., um schließlich an einer großen Konvergenzlinie,
die sich von 28° S 10° W bis 37° S 20° O erstreckt, oberflächlich zu ver-
schwinden.“ Der ‚Verf. sagt dann weiter unten bei Erörterung des Verlaufs der
Agulhasströmung im Atlantischen Ozean: „In diesem Gebiet, in welchem nach
dem Oberflächenstrombild große Wassermassen in die Tiefe sinken müssen,
nehmen B. Helland-Hansen und F. Nansen auf Grund der Temperatur- und
Salzgehaltsmessungen des „Fram“ einen Wirbel an. Man kommt zu der Auf-
Fassung, daß hier das kalte Wasser der Westwindtrift unter das warme indische
Wasser sinkt und dann zum Teil als kaltes Auftriebwasser an der südwest-
afrikanischen Küste wieder erscheint, womit . . .“ Betrachten wir jetzt die Karte
hinsichtlich des zugrunde liegenden Tatsachenmaterials, so sehen wir vorwiegend
Pfeile, die gekennzeichnet sind als „Kombination auf Grund vereinzelter Beob-
achtungen“.
Die Beweisführung scheint mir nicht geglückt und das so angegebene Strom-
system unhaltbar. Zunächst ist das Wasser in 30° S-Br. und 0°—10° W-Lg. über
30° erwärmt und könnte, selbst wenn es untertauchen würde, nicht als kaltes
Auftriebswasser wieder erscheinen. Vor allem aber kann man sich nicht vor-
stellen, wo die gewaltige Wassermenge, die aus südlicher Breite sich stetig nach
Norden und Nordosten bewegt, bleiben soll. Und wo soll der Ersatz für das
vom Benguelastrom fortgeführte Wasser herkommen? Meyer führt 5.17 an,
daß die Menge des horizontal zuströmenden Wassers nicht gleich der Menge des
horizontal abströmenden zu sein braucht, aber dürfen wir darum annehmen, daß
in einzelnen Gebieten wie beim Benguelastrom der Ersatz für das aus dem
Küstengebiet fortgeführte Wasser ausschließlich aus der Tiefe stammt? So sehr
man die Einführung neuer Methoden, wie die Anwendung der Konvergenz- und
Divergenzlinien in der Bearbeitung der Oberflächenströmungen des Meeres, be-
grüßen kann, ebenso vorsichtig wird man bei der Heranziehung vertikaier
Wasserbewegungen zum Ausgleich der horizontalen Zirkulation sein müssen und
vertikale Bewegungen nur dort annehmen, wo die Unterlagen genügend ge-
sichert sind.
Und so stoßen eine ganze Reihe von Bedenken und Fragen beim Studium
der Arbeit auf wie das Unterschieben oberflächlich erwärmter Schichten des
Nordäquatorialstroms unter den Guyanastrom, das Vorhandensein dreier Wirbel
in der Sargasso-See, die Auffassung des Golfstroms als reiner Gefällstrom, die
Bezeichnung von Meeresströmungen als Strahl u. a. m., dessen Erörterung hier
zu weit führen würde.
Bei aller Anerkennung der geleisteten großen Arbeit und vieler guten Ge-
danken halte ich die neue Karte der Oberflächenströmungen von Meyer für
sehr hypothetisch und glaube nicht, daß durch sie die bislang geltenden Vor-
stellungen über die Oberflächenströmungen des Atlantischen Ozeans über. den
Haufen geworfen werden. Wenn in so vieler Hinsicht Bedenken an den Ergebnissen
der beiden Arbeiten von Michaelis und Meyer vorgebracht werden mußten,
so dürfte dies vielleicht darauf zurückzuführen sein, daß die zu behandelnden
Themen zu umfangreich für einen einzelnen Bearbeiter gewesen sind. Dankbarer
wäre es wohl. gewesen, nur einen Teil eines Ozeans methodisch neu zu bearbeiten
und die gezogenen Schlußfolgerungen mehr zu vertiefen.