220 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, September 1923,
des Meeres zur Ausbildung kommt, diese um so weiter nach Osten verschoben
sein, je größer die Periode ist. Bei den großen Meerestiefen, die im Ionischen
Meere herrschen, ist es durchaus verständlich, daß diese Verschiebung bei O,
das eine um 8%, größere Periode als K, hat, ziemlich beträchtlich ausfällt.
Während bei den Halbtagstiden die ganze Länge des Mittelmeeres in
sechs Abschnitte zerfiel, die von einem Schwingungsbauch zu einem Knoten
(oder umgekehrt) reichten, gibt es bei den Eintagstiden nur drei derartige Ab-
schnitte, da wir sowohl beim Mitschwingen als beim selbständigen Anteil nur am
westlichen Ende und im Ionischen Meer eine Knotenlinie vorfinden. Die all-
gemeine Theorie, derzufolge bei den Eintagstiden die Entfernung zwischen
je zwei Knotenlinien ungefähr doppelt so groß sein muß als bei den
halbtägigen, die sich auch für die Ozeantiden als richtig erwiesen hat!), er-
scheint somit durch die Ergebnisse der harmonischen Analyse für das Gebiet
des Mittelmeeres in sehr befriedigender Weise bestätigt.
Wir- wollen nun die beobachteten Oberflächenneigungen des Mittelmeeres
bei den selbständigen Anteilen der einzelnen Eintagstiden mit den jeweiligen
Neigungen der Niveaufläche unter dem Einfluß der diese Eintagstiden er-
zeugenden Kräfte vergleichen. Zu diesem Zwecke berechnen wir zunächst die
durchschnittliche Neigung der Oberfläche von der Stelle maximaler
Amplitude im Westbecken bis Alexandrien. Als erstere wollen wir, um alle drei
Eintagstiden in gleicher Weise zu berücksichtigen, die Mitte zwischen Alicante
und dem Ligurischen Meer wählen. Hier hat die Amplitude a, bei den drei
Eintagstiden K,, P, O die Werte
3.53 cm, 1.82 cm, 0.65 cm,
dagegen in Alexandrien die Werte
— 2.18 cm, —1.01cm, —1,52 cm,
Die Differenzen dieser Werte, die ein Maß für die maximalen Oberflächenneigungern
darstellen, betragen daher ;
5.71 cm, 2,83 cm, 2.17 cm.
Was die theoretischen Neigungen der Niveaufläche zwischen denselben
Endpunkten betrifft, so findet man sie leicht auf Grund bekannter Formeln der
Gleichgewichtstheorie?) mit den Beträgen
6.34 cm, 2.10 cm, 4.51 em.
Man kommt also, mindestens bei K, und P, der Wahrheit sehr nahe, wenn
man annimmt, daß (vom westlichsten Teile abgesehen), das ganze Mittelmeer
unter der direkten Einwirkung der die Eintagstiden erzeugenden
Kräfte genau die gleichen Schaukelbewegungen ausführt, wie die
durch diese Kräfte jeweils gestörte Niveaufläche.
Die gefundene Anordnung der Knotenlinien und Amplitudenverteilung‘ der
Eintagstiden erklärt uns vor allem auch die beobachteten Variationen des So-
genannten Eintagsindex A im Gebiete des Mittelmeeres. Die Neigungen
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der Niveauflächen unter dem Einfluß der Ost—West-Komponenten der einzelnen
fluterzeugenden Kräfte (die Gleichgewichtstheorie) würden für dieses Verhältnis
im Mittelmeer ungefähr den Normalwert 0.49 erwarten lassen. Zunächst wird
jedenfalls der besonders kleine Wert des Eintagsindex in Cädiz, 0.10, das Mit-
schwingen des Mittelmeeres im Sinne einer Verkleinerung des Eintagsindex be-
einflussen müssen,
Von weit größerer Wichtigkeit ist aber die Lage der Knotenlinien der
einzelnen Schwingungen. So verläuft z.B. nahe bei Alicante die spanisch-
algerische Knotenlinie der Halbtagstiden, während die Amplituden der Eintags-
tiden hier sozusagen ihr Maximum erreichen; dies erklärt uns den ganz besonders
großen Eintagsindex in Alicante, der den enormen Wert 2.13 erreicht. Das
Ligurische Meer, das weder in der Nähe einer Knotenlinie der halbtägigen
8 145 Ga meine Abhandlung „Neue Weltkarten der Flutstundenlinien“. Ann. d. Hydr. 1922,
2% G. H. Darwin und S, S. Hough, Encyklopädie der mathem, Wissenschaften, Bd, VI, 1. B.,
Heft 1, S. 35—38, — M. L6vy, Lecons sur la th6orie des mar6es, premi&re partie, Paris 1898, S. 61—64.