Defant, A.: Die (tezeiten der Nordsee, Beobachtung und Theorie. 135
übrigens die Amplitude so klein, daß die Berechnung der Phase äußerst ungenau
ausfallen kann.
Die Ergebnisse dieses Abschnittes können kurz folgendermaßen zusammen-
gefaßt werden: Die beobachteten Gezeitenströmungen der Nordsee entsprechen
vollkommen solchen Strömungen, die auftreten müssen, wenn die Wassermassen
dieses Nebenmeeres auf der rotierenden Erde unter Reibungseinflüssen mit der
Gezeitenbewegung des Ozeans vor der Mündung mitschwingen; ein direkter Ein-
fluß der fluterzeugenden. Kräfte von Mond und Sonne auf die Wassermassen der
Nordsee (selbständige Gezeiten) scheint nicht vorhanden zu sein oder wenigstens
30 klein zu sein, daß er gegenüber der indirekten Beeinflussung durch die äußere
Gezeitenbewegung ganz zurücktritt.
4. Die Gezeiten der Nordsee. Mit den Gezeitenströmungen sind natürlich
auch vertikale Verlagerungen der Wassermassen, Gezeiten im engeren Sinne des
Wortes, verbunden, die aus den ersteren direkt aus der Kontinuitätsgleichung
folgen. Die in den Tabellen 1 bis 4 niedergelegten Werte der u, u’; v, v’ setzen
uns in die Lage, die Verteilung der 5 und Z’ für das ganze betrachtete Gebiet
der Nordsee mittels der Gleichungen (6) zu berechnen. Diese erhalten in der
Differenzenrechnung die Form:
El nr]
10) % *
U = ad +) re}
In diesen Gleichungen kommen auf der rechten Seite alle u- und v-Werte
der Eckpunkte eines Quadrats vor, so daß die sich daraus ergebenden Werte %
und £” für die Mitte eines jeden Quadrats gelten,
Das Ergebnis dieser Rechnung stelit in den Tabellen 5 und 6, in denen
gleich, da &cosot + sinot = Z cos o (t — H) ist, die Amplitude der vertikalen
Schwankung (halbe Hubhöhe) Z in cm und die Phase der Gezeitenwelle (Hafen-
zeit) in Mondstunden angegeben sind. Die graphische Darstellung davon ent-
halten die Abbildungen 4 und 5 (Tafel 9).
Die Hafenzeiten zeigen im Gebiet der Nordsee zwei Amphidromien; die
berechnete Verteilung im Innern der Nordsee steht in ausgezeichnetem Zusammen-
hange mit den Beobachtungstatsachen über Hafenzeit und Hubhöhe an den Küsten,
Auf das Vorhandensein der Amphidromien hat zuerst R. Sterneck*) hin-
gewiesen; seine Zeichnung der Flutstundenlinien kann natürlich bloß als schematisch
aufgefaßt werden, da sie sich fast nur auf Küstenbeobachtungen stützt, während
die vorliegende in vollkommener Übereinstimmung mit den Differentialgleichungen
der Wasserbewegung aus den vorhandenen Strömungswerten abgeleitet wurde.
Zunächst ist zu konstatieren, daß das Zentrum der südlichen Amphidromie etwas
nördlicher liegt, als Sterneck vermutet hat; es liegt etwas westlich von Horns-
riff. Das Zentrum der nördlichen Amphidromie hat ungefähr dieselbe Lage, die
ihr R. Sterneck gab; doch ist der Verlauf der Flutstundenlinien bei beiden
Amphidromien ein wesentlich anderer als bei Sterneck, Besonders auffallend
ist das Zurückbleiben der Gezeitenwelle an den Küsten Englands im Süden sowie
an jenen Hollands und Deutschlands einerseits, anderseits auch das mäßige Zu-
rückbleiben in den Gebieten der Doggerbank. Dies steht in Übereinstimmung
mit den variabeln Tiefen in diesen Teilen der Nordsee.
Die Verteilung der Hubhöhen (Amplituden) steht, wie zu erwarten War,
in vollständiger Übereinstimmung mit den theoretischen Grundlagen. In den
zentralen Gebieten der Amphidromien sind die Hubhöhen sehr klein; sie nehmen
vom Zentrum, wo sie Null sind, radial nach allen Seiten zu; bei der südlichen
Amphidromie ist diese Zunahme am stärksten gegen Westen und Südwesten und
etwas weniger gegen Südosten. Ganz auffallenderweise, aber in völliger Überein-
stimmung mit den Beobachtungen, bleibt an der Nordküste Jütlands gegen NO
hin die Hubhöhe nahezu konstant, derart, daß im Küstengebiet des Skagerrak
l) R. Sterneck, Die Gezeiten im Atlantischen Ozean, Diese Zeitschrift 1920, Heft X, 5. 396;
siehe besonders die Tafel 12.
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