Defant, A.: Die Gezeiten der Nordsee, Beobachtung und Theorie.
innerste Linie die zusammengehörigen Werte von u, u‘, von v, v' und von Z, 5
armittelt. Sodann wurde unter der Annahme eines Reibungskoeffizienten b, wie
ar durch frühere Untersuchungen!) als von der Tiefe des Meeres abhängig fest-
gelegt wurde, die erste und zweite Annäherung für die erste Quadratreihe, sowie
dieselben auch für die zweite Quadratreihe durchgeführt.
Die Rechnung ließ sich ohne Schwierigkeiten fertigstellen, so daß an einer
Weiterführung der Berechnung nicht zu zweifeln war. Allerdings erforderten
schon diese zwei Quadratreihen eine fast zweiwöchige angespannte Rechen-
arbeit zweier Personen. Wenn die Berechnung auf diese Art nicht fortgesetzt,
sondern abgebrochen wurde, ist dies einzig und allein dem Umstande zu-
zuschreiben, daß es unmöglich ist, an einem kleinen Institute, dem noch andere
laufende Arbeiten obliegen, mit dem geringen Personal, das zur Verfügung steht,
eine solche langwierige Berechnung zu Ende zu führen. Deshalb muß ich es
größeren Instituten, denen vielleicht ein. großes Rechenpersonal zur Verfügung
steht, überlassen, nach der hier dargelegten Methode die Gezeitenströmungen
und Gezeiten dieses oder jenes Meeres zu berechnen.
Daß die Methode unzweifelhaft zu guten Ergebnissen führt, überzeugte ich
mich auch dadurch, daß die für eine Bucht gleichförmiger Tiefe berechneten
Gezeiten und Gezeitenströme mit den von Taylor theoretisch berechneten aus-
gezeichnet übereinstimmten, ;
Zur weiteren Untersuchung der Gezeiten der Nordsee, insbesondere der
Frage, ob diese Gezeiten und die dazugehörigen Gezeitenströme Mitschwingungs-
gezeiten mit den Gezeiten des Atlantischen Ozeans im Norden sind, wurde ein
anderer Weg eingeschlagen, der allerdings auch Rechenarbeit genug erfordert,
aber doch wenigstens die Arbeitskraft eines einzelnen nicht übersteigt. Zu diesen
und den vorher erwähnten Berechnungen hat mich mein Assistent, Privatdozent
Dr. A. Schedler, tatkräftigst unterstützt, wofür ich ihm bestens danke.
3. Die Gezeitenströme der Nordsee. Als erster Schritt zur Untersuchung
derselben gehört eine genaue Analyse der Gezeitenströme der Nordsee. Zu diesem
Zwecke wurde das ganze Gebiet entsprechend der Karte 1 (Tafel 9) in 165 flächen-
gleiche Quadrate (4x = 50.52 km) geteilt und für jeden Eckpunkt Phase und
Amplitude der Gezeitenströmung ermittelt. Hierzu wurden die von der Deutschen
Seewarte herausgegebenen Karten‘ der Gezeitenströme der Nordsee für jede
Mondstunde benutzt; sie gestatteten, mit genügender Genauigkeit Richtung und
Intensität. der Gezeitenströmung an jeder‘ Stelle und zu jeder Stunde zu be-
stimmen.‘ Diese Strömungswerte wurden für jeden Punkt und für jede Mond-
stunde in Komponenten parallel und senkrecht zur Längsrichtung zerlegt, wobei
bei Längsströmungen die Stromrichtung von der deutschen Küste gegen Norden,
bei Querströmungen jene von der dänischen Küste gegen England als positiv
gewählt wurde. .
Auf diese Weise erhielt man für jeden Schnittpunkt der Linien die Ver-
teilung der U- und der V-Strömung für eine ganze Gezeitenperiode; aus diesen
Werten konnte mit großer Genauigkeit Phase und Amplitude der Längs- (U-)
und der Quer- (V-) Strömung abgeleitet werden. Diese Analyse der Gezeiten-
strömung konnte leider nicht für das ganze betrachtete Gebiet durchgeführt
werden, da die Beobachtungen im nordöstlichen Teil der Nordsee, vor den Küsten
Norwegens, so spärlich sind, daß es unmöglich ist, sich ein nur auf der Grund-
lage der Beobachtungen stehendes Bild der Gezeitenströmung zu zeichnen. Des-
halb mußte dieser Teil der Nordsee für die folgenden Untersuchungen außer
Betracht gelassen werden.
Die Phase der Gezeitenströmung wurde in Mondstunden, gerechnet vom
Meridiandurchgang des Mondes in Greenwich, angegeben, die Amplitude in
ecm/sec umgerechnet, wobei möglichst die Stärke der Strömung zur Zeit der
Springflut in Rechnung gestellt wurde: Aus der Phase H und der Amplitude U
der Strömung wurden sodann entsprechend den Beziehungen
U cos g (te — H) = Ucos(gt— 8) = Ucosscos ot + Usinzsingt = ucosot-+wWeingt
1) Diese Zeitschrift 1922, Heft VIII, 8. 217.
ann, d, Hydr. usw. 1923, Heit VIIL