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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 51 (1923)

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Deutschland geben soll. Es kann nicht derselbe Meteorologe für alle Teile eine 
gleich gute Vorhersage aufstellen; außerdem würde dies länger als die Über- 
mittlung der Obs-Telegramme dauern. Ist aber in der Zentrale für jedes Gebiet 
ein besonderer mit diesem Gebiet vertrauter Meteorologe vorhanden, so würde 
dieser doch bald den Zusammenhang mit seinem Gebiet und dann das Sicher- 
heitsgefühl für seine Vorhersagen verlieren, Er lebt eben nicht in dem Gebiet, 
für das er die Vorhersage macht, kann Eigenarten seines Landes nicht zulernen, 
sondern wird die lokalen Einflüsse und Eigenheiten, die Mikrostruktur (S. 48) 
seiner Heimat, verlernen. Es steht dies nicht im Gegensatz zu dem, was oben 
über die Zimmer- und Nachtprognose gesagt ist. Außerdem spricht für die De- 
zentralisierung der Umstand, daß die zu versendenden Wetterkarten doch im 
Ortsgebiet hergestellt werden, da sie durch lange Bahntransporte veralten und 
also wertlos werden. 
Wie sich nach" den neueren Anschauungen, die vielfach klarer sind als 
die älteren, die Wetteränderungen bei uns vollziehen, durch Einbrüche von 
polaren Luftmassen, Auftreten einer Polarfront, Fortbewegung der Minima auf 
den Kurslinien, deren Bedeutung als Wetterscheide und Schnittlinie verschiedener 
Luftmassen usw. stellt Schmauß übersichtlich dar. Hinzuzufügen wäre nur, daß 
auch oft der Fall eintritt, daß die Cirren nicht in die nächst tiefere al-str-Be- 
wölkung übergehen (S. 39). Zu erforschen, wann das eintritt und wann nicht, 
bleibt der Meteorologie noch vorbehalten; denn gerade hieran knüpfen sich 
häufig Fehlprognosen. In der Witterung bei uns „ist das Normale der Wechsel“ 
(S. 42); ich möchte hinzufügen: „mit der Tendenz der Erhaltung der jeweiligen 
Witterung“. | 
Es wird auf die Unterschiede der thermischen und dynamischen Hoch- 
und Tiefdruckgebiete oder besser -körper hingewiesen, auf ihre Anwendung bei 
der Vorhersage, auf die Hauptaktionszentren (S. 43—45) bei Island, den Azoren, 
in Innerasien und dem Mittelmeer (Depression), auf die Föhnlage in Süddeutsch- 
land und wie uns die Falltendenz des Barometers das Herannahen einer De- 
pression, und die Wetterkarten die Zugrichtung zeigen. Die Schmaußsche 
Regel (S. 44): „Je höher das Azorenmaximum, desto tiefer die isländische De- 
pression“ gilt insbesondere für die winterliche Sturmlage, oft wird aber auch, 
besonders im Sommer, durch das Steigen des Azorenhochs das Islandtief weit 
nach Norden aus dem Bereich Europas hinausgedrängt oder gar aufgezehrt, 
Auch dies gibt Anlaß zu Fehlprognosen. 
Die rhythmischen Schwingungen (S. 42), Wiederkehr des gleichen Wetters 
nach einigen Tagen, haben in unserer Gegend keine Bedeutung für die Vorher- 
sage. Die Depressionszüge vergleicht Schmauß mit aufgereihten Perlen; ich 
möchte hinzufügen, daß die Perlen von ungleicher Größe und Wertigkeit und 
doch nicht ganz ungeordnet aufgereiht sind. Wie unregelmäßig das Bild ist, 
sehen wir an den „Dekadenberichten vom Nordatlantischen Ozean“. Betrachten 
wir die Veränderungen dieser Perlen, so erkennen wir ihre sehr verschiedene 
Lebenskraft, Wachstumsfähigkeit und Wanderkraft. 
Die Erscheinungen der advektiven Kälte, z. B. durch eine Zunge des Polar- 
stromes, die im Sommer aus NW, im Winter aus NO, also um 90° gedreht, im 
unteren Teil der Atmosphäre zu uns vorgestreckt wird, und die Erscheinung der 
Strahlungskälte sind für die Vorhersage von größter Bedeutung. Die niedrigsten 
Temperaturen sind zu erwarten, wenn beide Erscheinungen gleichzeitig eintreten. 
Im Sommer ist bei uns nach Schmauß das Normale die naßkalte Witterung, da 
ohne Störung infolge der thermischen Depressionslage über Eurasien Nordwest- 
monsun wehen muß. 
Schmauß sagt (S. 46): Sind die Gruppierungen der Hoch- und Tiefdruck- 
gebiete über Europa stationär, so kann man für mehrere Tage das Wetter vor- 
aussagen. Das ist richtig, doch ist die Kunst die — die Voraussage ist nämlich 
nicht nur Wissenschaft und Erfahrung, sondern auch Kunst —, die Wetterlage 
als stationär zu erkennen und vorauszusagen, Im Anfang ist dies am schwie- 
rigsten. Auch Schmauß sagt: „Je länger eine Wetterlage schon bestanden hat, 
um so wahrscheinlicher ist es, daß sie noch einen Tag bestehen bleibt“. Dies 
beweist die Richtigkeit obigen Zusatzes von der Tendenz. 
Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juli 1923,
	        
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