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Object: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 51 (1923)

Baschin, O.: Polflucht, Treibeis und autogene Meeresströmung. 
Polflucht, Treibeis und autogene Meeresströmung. 
Von Otto Baschin. 
Auf jeden, in einer dichteren Flüssigkeit schwimmenden homogenen Körper 
wirkt eine äquatorwärts gerichtete Beschleunigung, die daher rührt, daß die 
Richtung der Vertikale in der Meridianebene gekrümmt und die konkave Seite 
der Krümmung dem Pole zugekehrt ist. Da nun der Schwerpunkt eines homogenen 
schwimmenden Körpers stets höher liegt als derjenige der verdrängten Flüssig- 
keitsmasse, der als Angriffspunkt für den Auftrieb in Frage kommt, so sind die 
beiden, auf den Schwimmkörper wirkenden Beschleunigungen der Schwere und 
des Auftriebes nicht genau entgegengesetzt zueinander gerichtet. Es ergibt sich 
vielmehr eine kleine, nach dem Äquator gerichtete Komponente. 
Diese merkwürdige Tatsache wurde zuerst 1912 von dem ungarischen Geo- 
physiker Baron R. von Eötvös festgestellt). Wladimir Köppen untersuchte 
und erläuterte die Kraft später ausführlicher und führte für sie die treffende 
Bezeichnung „Polflucht“ ein?2). 
Die Polflucht ist nun von größerer Bedeutung für die physikalischen Ver- 
hältnisse der Erde, als es zunächst den Anschein hat, denn sie übt ihre Wirkung 
zumindest auf alle homogenen Körper aus, sofern nur der Zustand des hydro- 
statischen Schwimmens auf einem dichteren Medium besteht. Ein solcher Zu- 
stand ist aber nicht auf feste Körper beschränkt, sondern er kommt auch bei 
Flüssigkeiten vor. Es dürfte vielleicht sogar eine dankbare Aufgabe der meteoro- 
logischen Forschung sein zu untersuchen, wie weit ein hydrostatischer Schwimm- 
zustand auch bei gewissen Luftmassen in der Atmosphäre wenigstens zeitweise 
angenommen werden kann. 
Die Energie der Polflucht ist natürlich nur gering, und sie wird daher 
beim Vorhandensein zahlreicher anderer Einflüsse im Einzelfalle meist unter 
der Grenze der Beobachtbarkeit bleiben. Sie übt jedoch ununterbrochen, in der 
gleichen geographischen Breite stets mit der gleichen Intensität, ihren Einfluß 
aus, so daß schließlich doch eine merkbare Wirkung zustandekommen muß, Ein 
solcher Fall ist gegeben beim massenhaften Auftreten schwimmender fester 
Körper in leicht beweglichen Flüssigkeiten, wie wir es z, B. in dem Treibeis der 
Meere vor uns haben. Trotzdem die Energie der Polflucht in hohen Breiten 
naturgemäß geringer ist als in mittleren, kann dieser Mangel durch die Massen- 
haftigkeit des Vorkommens aufgewogen werden. Otto Krümmel schätzt das 
Volumen des Scholleneises, welches jährlich aus dem Nordpolargebiet in den 
Atlantischen Ozean gelangt, auf 20000 Kubikkilometer®. Man darf daher für 
die in den Meeren beider Polargebiete vorhandenen Eismassen vielleicht ganz 
roh eine Größenordnung von 50000 Kubikkilometern annehmen. Zahlreiche 
Kräfte, deren Intensität wie Richtung vielfachem Wechsel unterworfen sind, üben 
ihre Wirkung auf diese schwimmenden Eismassen aus und veranlassen sie zu 
Ortsveränderungen, wobei das Scholleneis vielfach in anderer Weise beeinflußt 
wird als die Eisberge. Zu all diesen Kräften tritt nunmehr noch die Polflucht 
hinzu, die aber nicht nur ständig, sondern auch stets in derselben Richtung 
wirkt, so daß ihr Einfluß sich trotz ihrer Geringfügigkeit doch geltend machen 
muß und nicht gut völlig vernachlässigt werden darf. Namentlich bei den Eis- 
bergen, deren Schwerpunkt viele Meter über dem Angriffspunkt des Auftriebes 
zu liegen pflegt, müßte dies der Fall sein. Die Summation der zahlreichen kleinen 
Einzelbeträge wird in dichten, mit Eisbergen durchsetzten Packeismassen, die 
oft Hunderte von Quadratkilometern bedecken, sicher meßbare Wirkungen hervor- 
bringen, 
Wie das Eis selbst wird nun aber auch das Meerwasser, welches in den 
Waken zwischen dem Eise zutage tritt, beziehungsweise die Räume zwischen den 
an 
3 
1) Verhandlungen der vom 17. bis zum 27. September 1912 in Hamburg abgehaltenen sieb- 
zehnten Allgemeinen Konferenz der Internationalen Erdmessung. Berlin 1913. I. Teil, S. 111. 
2) Ursachen und Wirkungen der Kontinentverschiebungen und Polwanderungen. Von Wladimir 
Köppen. Petermanns Mitteilungen, Gotha 1921, 67, Jahrg., S. 145—149, 191—194, 
3) Handbuch der Ozeanographie. Von Otto Krümmel. Bd. I. Stuttgart 1907, S, 516.
	        
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