Baschin, O.: Polflucht, Treibeis und autogene Meeresströmung.
Polflucht, Treibeis und autogene Meeresströmung.
Von Otto Baschin.
Auf jeden, in einer dichteren Flüssigkeit schwimmenden homogenen Körper
wirkt eine äquatorwärts gerichtete Beschleunigung, die daher rührt, daß die
Richtung der Vertikale in der Meridianebene gekrümmt und die konkave Seite
der Krümmung dem Pole zugekehrt ist. Da nun der Schwerpunkt eines homogenen
schwimmenden Körpers stets höher liegt als derjenige der verdrängten Flüssig-
keitsmasse, der als Angriffspunkt für den Auftrieb in Frage kommt, so sind die
beiden, auf den Schwimmkörper wirkenden Beschleunigungen der Schwere und
des Auftriebes nicht genau entgegengesetzt zueinander gerichtet. Es ergibt sich
vielmehr eine kleine, nach dem Äquator gerichtete Komponente.
Diese merkwürdige Tatsache wurde zuerst 1912 von dem ungarischen Geo-
physiker Baron R. von Eötvös festgestellt). Wladimir Köppen untersuchte
und erläuterte die Kraft später ausführlicher und führte für sie die treffende
Bezeichnung „Polflucht“ ein?2).
Die Polflucht ist nun von größerer Bedeutung für die physikalischen Ver-
hältnisse der Erde, als es zunächst den Anschein hat, denn sie übt ihre Wirkung
zumindest auf alle homogenen Körper aus, sofern nur der Zustand des hydro-
statischen Schwimmens auf einem dichteren Medium besteht. Ein solcher Zu-
stand ist aber nicht auf feste Körper beschränkt, sondern er kommt auch bei
Flüssigkeiten vor. Es dürfte vielleicht sogar eine dankbare Aufgabe der meteoro-
logischen Forschung sein zu untersuchen, wie weit ein hydrostatischer Schwimm-
zustand auch bei gewissen Luftmassen in der Atmosphäre wenigstens zeitweise
angenommen werden kann.
Die Energie der Polflucht ist natürlich nur gering, und sie wird daher
beim Vorhandensein zahlreicher anderer Einflüsse im Einzelfalle meist unter
der Grenze der Beobachtbarkeit bleiben. Sie übt jedoch ununterbrochen, in der
gleichen geographischen Breite stets mit der gleichen Intensität, ihren Einfluß
aus, so daß schließlich doch eine merkbare Wirkung zustandekommen muß, Ein
solcher Fall ist gegeben beim massenhaften Auftreten schwimmender fester
Körper in leicht beweglichen Flüssigkeiten, wie wir es z, B. in dem Treibeis der
Meere vor uns haben. Trotzdem die Energie der Polflucht in hohen Breiten
naturgemäß geringer ist als in mittleren, kann dieser Mangel durch die Massen-
haftigkeit des Vorkommens aufgewogen werden. Otto Krümmel schätzt das
Volumen des Scholleneises, welches jährlich aus dem Nordpolargebiet in den
Atlantischen Ozean gelangt, auf 20000 Kubikkilometer®. Man darf daher für
die in den Meeren beider Polargebiete vorhandenen Eismassen vielleicht ganz
roh eine Größenordnung von 50000 Kubikkilometern annehmen. Zahlreiche
Kräfte, deren Intensität wie Richtung vielfachem Wechsel unterworfen sind, üben
ihre Wirkung auf diese schwimmenden Eismassen aus und veranlassen sie zu
Ortsveränderungen, wobei das Scholleneis vielfach in anderer Weise beeinflußt
wird als die Eisberge. Zu all diesen Kräften tritt nunmehr noch die Polflucht
hinzu, die aber nicht nur ständig, sondern auch stets in derselben Richtung
wirkt, so daß ihr Einfluß sich trotz ihrer Geringfügigkeit doch geltend machen
muß und nicht gut völlig vernachlässigt werden darf. Namentlich bei den Eis-
bergen, deren Schwerpunkt viele Meter über dem Angriffspunkt des Auftriebes
zu liegen pflegt, müßte dies der Fall sein. Die Summation der zahlreichen kleinen
Einzelbeträge wird in dichten, mit Eisbergen durchsetzten Packeismassen, die
oft Hunderte von Quadratkilometern bedecken, sicher meßbare Wirkungen hervor-
bringen,
Wie das Eis selbst wird nun aber auch das Meerwasser, welches in den
Waken zwischen dem Eise zutage tritt, beziehungsweise die Räume zwischen den
an
3
1) Verhandlungen der vom 17. bis zum 27. September 1912 in Hamburg abgehaltenen sieb-
zehnten Allgemeinen Konferenz der Internationalen Erdmessung. Berlin 1913. I. Teil, S. 111.
2) Ursachen und Wirkungen der Kontinentverschiebungen und Polwanderungen. Von Wladimir
Köppen. Petermanns Mitteilungen, Gotha 1921, 67, Jahrg., S. 145—149, 191—194,
3) Handbuch der Ozeanographie. Von Otto Krümmel. Bd. I. Stuttgart 1907, S, 516.