Peters, H.: Theorie der eintägigen Gezeiten im Südchinesischen Meere und im Golf von Mexiko. 7
Pakhoi konstruiert sind. Auch sie zeigen wieder dieselben Merkmale: zwei
gleiche Fluten von mittlerer Höhe nach Mond im Äquator (Fig. 1) und eintägige
Gezeit mit hoher Tagflut und tiefem Niedrigwasser nach Maximum der Mond-
deklination (Fig. 2). Aus Fig. 3 geht die Bedeutung der Sonnenflut hervor, sie
zeigt, daß auch dann eine eintägige Gezeit entstehen kann, wenn nach der De-
klination des Mondes zwei Fluten zu erwarten wären. Die Beobachtung für
Springflut wurde gemacht am 18. August 1877 bei mittlerer Deklination des
Mondes und größter Deklination der Sonne. Der Mond allein würde eine hohe
Flut bei oberer Kulmination und eine niedere bei unterer hervorbringen, da
aber die eintägige Sonnenflut zu der höheren Mondflut hinzukommt, so entsteht
eine eintätige Gezeit. Doch ist die niedere Mondflut keineswegs verschwunden,
sie bewirkt, daß das Niedrigwasser der Eintagsflut erheblich höher steht als
z. B. am 22, Dezember 1877 (Fig. 2). Die Beobachtung der Nippflut geschah am
3. August 1877, als die Wirkung der Sonnenflut ausschied, infolgedessen erhalten
wir die zu erwartenden zwei Mondfluten.
Da das monatliche Maximum der Deklination des Mondes einer 19jährigen
Periode unterworfen ist, so muß auch der Verlauf der Gezeitenerscheinungen im
Chinesischen Meere eine solche Periode aufweisen. Es ist für die Entstehung
der Eintagsfluten von größter Bedeutung, ob die Deklination nur 18°, oder ob
sie 28° beträgt. Im Jahre 1877, als die Beobachtungen angestellt wurden, er-
reichte der Mond fast die größte Deklination, und der Zeitpunkt war zur Beob-
achtung der eintägigen Gezeit daher besonders günstig. Weder die Paracel-
Insel noch Pakhoi gehören in den Jahren der geringsten Deklination zu dem
Gebiet, in dem nach der Gleichgewichtstheorie Eintagsfluten auftreten müssen.
Weshalb Kapt. Hoffmann gerade den Gezeiten im Südchinesischen Meere
ein so eingehendes Studium zuteil werden ließ, und welche Bedeutung er der
Erklärung der hier auftretenden Fluten für die Ausbildung der Gezeitentheorie
überhaupt beilegte, geht aus seiner Schlußbemerkung hervor:
„So stellt sich Ebbe und Flut im Golf von Tongkin heraus als eine ein-
fache Gezeitenerscheinung, in welcher die 24stündige Periode durch die Kon-
Eiguration des Meeresbeckens ein bemerkenswertes Übergewicht erlangt hat.
Die sorgfältige Beobachtung der Ebbe und Flut im Chinesischen
Meere aber verspricht ganz besonderen Nutzen, da hier jene Erscheinungen,
welche im Golf von Mexiko und im Adriatischen Meere durch mühsame Diskussion
klargestellt werden mußten, aus einer 8—14tägigen Beobachtung schon deutlich
hervortreten.“
„Betrachtet man die Angaben der Tabelle VI für diejenigen Tage allein,
für welche nur eine tägliche Flut beobachtet ist, und welche die größte Regel-
mäßigkeit aufweisen, so tritt sehr deutlich hervor: Bei Nord-Deklination sind
die Höhen größer und die Flutintervalle kleiner als bei Süd-Deklination. Die
großen Unterschiede aber zeigen, wie hohen Wert die Gezeitenbeobachtungen
in diesem Meeresteil für die Ausbildung der Theorie von Ebbe und
Flut haben müssen.“
Durch die vorstehende Theorie erscheint das Problem der Eintagsfluten
im Südchinesischen Meer und im Golf von Mexiko vollständig gelöst. Darüber
hinaus hat diese natürlich auch die größte Bedeutung für die Gezeiten in den
übrigen Breiten, und manche Schwierigkeiten, die bisher unüberwindlich er-
schienen, treten hier in eine ganz neue Beleuchtung. Sowohl die Annahme
Whewells, daß die Fluten des Nordatlantischen Ozeans ihren Ursprung in den
Flutwellen des Stillen Ozeans haben, als auch die Ansicht Darwins, daß sie in
dem Südatlantischen Ozean entstehen und von dort als freie Wellen zu uns
herüberkommen, ist jedenfalls durchaus von der Hand zu weisen. Die Ursache
der Gezeitenerscheinungen eines jeden größeren Meeresteiles ist in den Gezeiten-
kräften der Breiten zu suchen, denen das betreffende Gebiet angehört,
Gegen die vorstehende Theorie könnte vielleicht der Einwand erhoben
werden, daß die fluterzeugenden Kräfte nicht ausreichen, um in einem ab-
geschlossenen Becken von der Größe des Südchinesischen Meeres solche Niveau-
unterschiede hervorzurufen, wie sie tatsächlich beobachtet werden, berechnet
doch Darwin die Fluthöhe bei Springflut für einen 200 km lanven Sea nur