uud Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Mai 1923.
Wenn man also die isobarische Verschiebungswelle für einen Gradienten be-
rechnet, dessen Richtung mit der Richtung der stärksten horizontalen gezeitlichen
Luftbewegung zusammenfällt oder entgegengesetzt ist, SO müßte die Phase der
Verschiebungswelle gleich der Phase der eigentlichen Gezeitenwelle + 90° oder
— 90° sein. Schließlich ließen sich aus den isobarischen Verschiebungswellen die
N—8S- und 0—W-Komponenten. der horizoutalen gezeitlichen Luftbewegung be-
rechnen, aus welchen man weiter die Richtung und Phase der stärksten horizontalen
Bewegung bestimmen könnte. Ohne Berücksichtigung der Reibung hat man dann
zu erwarten, daß die Phase der größten horizontalen Bewegung, welche der Flut
entspricht, der Phase der eigentlichen Gezeitenwelle gleich sein müßte. Der
Reibung wegen ändert sich dieses gegenseitige Verhalten der Phasen in dem
Sinne, daß der Ort der größten horizontalen Bewegung dem Orte des Luftdruck-
maximums oder Minimums etwas voraneilt‘).
Um die Richtigkeit dieser Voraussetzungen zu prüfen und somit das Vor-
handensein der isobarischen Verschiebungswelle nachzuweisen, wurde die atmo-
sphärische eintägige Hauptmondtide in Pawlowsk (59° 41’ N) untersucht. Diese,
die sogenannte O,-Tide, wurde bevorzugt, da, wie es jetzt bewiesen ist, die
Amplitude der halbtägigen Mondtide mit steigender geographischer Breite an
Größe stark einbüßt. Wir haben dann folgende halbe Amplituden der halb-
tägigen atmosphärischen Mondtide:
Singapore . . . 1°N 0.089 mm. 8 Hongkong . . . 22°N 0,045 mm.
Batavia . ... 6°8S 0.062 « Rom ...., 41°N 0.027 «
Samoa. .. . . 14°8 0.052 « Greenwich . . . 51°N 0.009
Chapman nimmt an, daß die Amplitude der halbtägigen atmosphärischen
Lunarflut sich wie die vierte Potenz des Kosinus der Breite verhält; somit hätten
wir für Pawlowsk eine außerordentlich kleine halbe Amplitude von nur 0.004 mm,
Um eine solch geringe Schwingung nachzuweisen, hätte man vielleicht eine nicht
weniger als 100-jährige Beobachtungsreihe nötig. Obgleich der absolute theore-
tische Wert der O,-Tide ungefähr 2'/, mal kleiner ist als derjenige der M„-Tide,
ist es doch zu erwarten, daß in der Breite von Pawlowsk die Amplitude der
O,-Tide größer sein kann als die der M,-Tide, welche letztere durch ein fiktives
Gestirn erzeugt wird, dessen Bahn in der Ebene des Aquators liegt. Was die
Teiltide K, betrifft, so konnte diese nicht in Betracht gezogen werden, da ihre
Winkelgeschwindigkeit (= 15.041°) sich nur sehr wenig von der Winkelgeschwin-
digkeit der meteorologischen Tide S, (= 15.000°) unterscheidet.
Was den Ort selbst anbelangt, so wurde Pawlowsk aus dem Grunde er-
wählt, weil es überhaupt von Interesse erschien, atmosphärische Gezeiten in einer
höheren Breite nachzuweisen, und außerdem, weil Pawlowsk, insbesondere in der
kalten Jahreshälfte, im Gebiet reger zyklonaler Tätigkeit liegt, so daß hier die
Verhältnisse günstig liegen, um Tage mit verschiedenen Gradientrichtungen aus-
zuwählen. Für den Anfang beschränkte sich die Untersuchung auf die Monate
November —Dezember—Januar, in welchen einerseits das isobarische Gebilde am
veränderlichsten ist und die Gradienten groß sind, andererseits der störende
Einfluß periodischer Schwingungen thermischen Ursprunges am geringsten sein
müßte. Das Material gaben die stündlichen Luftdruckregistrierungen des
Hasslerschen Quecksilber-Barographen für das Dezennium 1901/02—1910/11,
welche in den Annalen des Physikalischen Central-Observatoriums zu Petrograd
veröffentlicht ‚sind.
Die Ordnung der Luftdruckregistrierungen nach den Stunden der O,-Tide
(die Winkelgeschwindigkeit dieser Tide beträgt 13.9430856° in 1 Std. mittl. Zeit)
geschah nach der Methode doppelter Eintragungen, welche bei der Bearbeitung
der Meeresgezeiten üblich ist, mit dem einzigen Unterschiede, daß noch eine
Kolumne „24h“ (d, i. 0k der nächstfolgenden Periode) hinzukam. Die Eintragungen
(erste Reihe der Kolumne „0h“) begannen stets mit dem Luftdruck, welcher um
Mittag des 2. November beobachtet wurde, und schlossen (letzte Reihe der
ı) Vgl. M. Margules, Luftbewegungen in einer rotierenden Sphäroidschale. Sitzungsber, d,
Math -Naturw. Klasse der k. Akademie d. Wissenschaften, CII. Bd., Abt. IIa, Wien 1893.