Wiese, W.: Studien über atmosphärische Gezeiten.
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Luftdruckschwankungen im Verhältnis zu der sehr kleinen periodischen Schwingung
bedingt; er hat aber außerdem noch einen anderen Grund, nämlich den, daß die
barometrische Flutkurve nicht eine einfache, sondern eine Aufeinanderlagerung
zweier verschiedener Wellen ist. Die erste dieser beiden Wellen. — die eigent-
liche Gezeitenwelle — ist konstant, d. h., unabhängig von der räumlichen Ver-
teilung des Luftdruckes, die zweite steht in unmittelbarer Beziehung zur Richtung
und Größe des Luftdruckgradienten. Die vertikale Komponente der in der
Atmosphäre durch die fluterzeugende Kraft hervorgebrachten Wellenbewegung
hat die eigentliche barometrische Flutkurve zur Folge, in welcher das Maximum
des Luftdruckes dem Wellenberg, das Minimum dem Wellental entspricht. Die
horizontale Komponente muß — entsprechend den Gezeitenströmungen des Meeres —
rhythmische, in bestimmter Richtung orientierte Verschiebungen der Luftmassen
verursachen. Nehmen wir beispielsweise an, daß der „Flutstrom“ von Osten, der
„Ebbstrom“ von Westen kommt, und daß wir östlich vom Beobachtungsorte eine
nach Westen wandernde Zyklone haben, welche im genannten Orte ein gleich-
mäßiges Fallen des Barometers verursacht; wegen der gezeitlichen Verschiebung
der Luftmassen, in welche die Zyklone eingeschlossen ist, würde in diesem Fall
während der Flut ein beschleunigtes Fallen des Barometers stattfinden, zur Zeit
der Ebbe ein gehemmtes. Hätten wir aber in derselben Richtung anstatt einer
Zyklone ein ebenfalls nach Westen fortschreitendes Hochdruckgebiet, so wären
die Verhältnisse gerade umgekehrt. Die somit entstehende Luftdruckschwankung
— man könnte sie als „isobarische Verschiebungswelle“ bezeichnen — hängt in
bezug auf Phase und Amplitude vollständig von der Verteilung der Isobaren
ab; da letztere größtenteils einen stark ausgeprägten jährlichen Gang zeigt, So
müssen auch die Elemente der isobarischen Verschiebungswelle jahreszeitlichen
Änderungen unterliegen. Tatsächlich sind solehe Änderungen beinahe in allen
barometrischen Gezeitenkurven für Orte höherer Breiten nicht zu verkennen,
was schon von G. Wagner!) hervorgehoben wurde. Chapman konnte die jahres-
zeitlichen Änderungen der halbtägigen atmosphärischen Mondtide auf den Tropen-
stationen zweifellos nachweisen, wo diese Änderungen allerdings nicht solche
Dimensionen erreichen, wie auf den europäischen Stationen. Demnach wäre das
höchst überraschende Phänomen der jahreszeitlichen Änderungen des mond-
täglichen Ganges des Luftdruckes durch das Vorhandensein isobarischer Ver-
schiebungswellen leicht zu erklären. Der gute Erfolg, welchen die von Chapman
bei seinen Untersuchungen über die halbtägige Lunarflut in Greenwich an-
gebrachte Methode erzielte, ist nicht nur durch die geringeren unperiodischen
Luftdruckschwankungen an barometrisch ruhigen Tagen bedingt, sondern auch
dadurch; daß an solchen Tagen der barometrische Gradient in der Regel klein
ist und folglich die isobarische Verschiebungswelle nur schwach die eigentliche
Flutkurve beeinflußt. 4
Den Beweis, daß die direkt aus Luftdruckregistrierungen ausgewertete
atmosphärische Flutkurve aus zwei Wellen zusammengesetzt ist, und daß eine
isobarische Verschiebungswelle tatsächlich vorhanden ist, könnte man in der
Weise erhalten, daß man den mondtäglichen Gang des Luftdruckes einzeln für
verschieden gerichtete Gradienten berechnet. Bei Ausschließung der eigentlichen
Gezeitenwelle müßte man für zwei entgegengerichtete Gradienten. Kurven erhalten,
deren Phasenunterschied 180° beträgt. Da die eigentliche Gezeitenwelle jedoch
in den Beobachtungen mit enthalten ist, wird man tatsächlich nicht einen un-
mittelbaren Gegensatz, sondern nur eine gegenseitige Verschiebung der Phasen,
sowie einen Unterschied in der Amplitude wahrnehmen. Durch gewisse rech-
nerische Verfahren könnte man die reine Gezeitenwelle und die reinen Ver-
schiebungswellen trennen. Die Phase der eigentlichen Gezeitenwelle und die der
Verschiebungswellen müssen in einer bestimmten gesetzmäßigen Beziehung zu-
einander stehen, denn theoretisch — ohne Berücksichtigung der Reibung — fällt
die größte horizontale Bewegung mit dem Wellenberg oder Wellental zusammen.
5 G. Wagner, Der Einfluß des Mondes anf das Wetter. G. Gerland’s Beiträge zur Geo-
ohysik. XI. Bd.. 1913.