Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Mai 1923
unter diesen Wert. In den Schichten über 4000 m vollzieht sich der umge-
kehrte Vorgang: Die Temperatur steigt am 16. nur unwesentlich über den
Normalwert an und liegt bereits am 18. ganz erheblich unter dem Normalwert,.
Es scheint so, als ob eine Überhitzung der unteren Luftschichten einen Umsturz
herbeiführt, der einen Kälteeinbruch in der Höhe zur Folge hat. Der Gang
des Luftdrucks entspricht im wesentlichen dem Ergebnis Traberts, daß unter
warmen Luftsäulen der Luftdruck fällt, während er unter kalten steigt. Da-
gegen stehen die Niederschlagsbeobachtungen nicht im Einklang mit den Er-
gebnissen Defants, nach denen das Maximum des Niederschlags mit dem
Temperaturmaximum zusammenfällt. Der 15., 16. und 17. Mai sind vollkonımen
niederschlagsfrei bei heiterem Wetter, 'die ersten unbedeutenden Niederschläge
fallen in der Nacht vom 17. auf den 18.,, das Maximum des (24 stündigen)
Niederschlags wird in Groß-Borstel am 20. 8h Vm, mit 4 mm gemessen.
Eine eingehendere Untersuchung des Wetterumschlags, der vom 17. zum
18. Mai eintrat, verbietet sich im Rahmen dieses Berichts. Von interessanten
Einzelheiten mag noch erwähnt werden, daß der Flugzeugführer nach dem
Vormittagsaufstieg am 16. Mai berichtete, er habe in etwa 4800 m Höhe eine
kräftige Bö verspürt. Die Temperaturverteilung zeigt an diesem Vormittag in
dieser Höhe nichts Auffälliges. Nach der Pilotvisierung von 9h Vm. in Groß-
Borstel war die Windverteilung in dieser Höhenschicht folgende:
4750m SWzW 16, 4930 m SWzW 16, 5100m SWzW12, 5270m W9, 5400 m W8. 5
Bei 4800 m Höhe liegt ein Windmaximum, darüber eine Winddrehung.
Der Nachmittagsaufstieg am 16. zeigt dann zwischen 4500 und 5000 m mehrere
Temperaturstörungsschichten, In diesem Falle wurde also eine Windanomalie
vor dem Auftreten einer Temperaturstörung beobachtet.
In der Möglichkeit, grobe Turbulenz festzustellen, scheint ein nicht un-
wesentlicher Vorzug der Flugzeugmethode zu liegen. Bei Drachenaufstiegen ist
das, wenigstens in so großen Höhen, meist nicht möglich, da dann eine ganze
Kette von Drachen in der Luft schwebt, wodurch einesteils Zugschwankungen
eines einzelnen Drachen stark gedämpft werden, anderseits die Feststellung,
welcher Drachen die Unruhe zeigt, meist nicht möglich ist.
Studien über atmosphärische Gezeiten.
Von W. Wiese, Petrograd,
(Hierzu Tafel 6.)
Nach vielen Mißerfolgen, die halbtägige Lunarflut aus den Luftdruck-
beobachtungen in höheren Breiten abzuleiten, ist es Chapman endlich gelungen,
die atmosphärische halbtägige Flut und Ebbe in Greenwich in der Form einer
ziemlich einwandfreien (wenigstens im Jahresmittel) Barometerkurve nachzu-
weisen!), Chapmans Erfolg ist einerseits durch den außerordentlichen Umfang
des bearbeiteten Materials, welches nicht weniger als 64 Jahre umfaßt, zu er-
klären, andererseits durch den von ihm eingeschlagenen Weg, nur barometrisch
ruhige Tage in Rechnung zu ziehen. Letzteres wurde mit der Absicht getan,
den störenden Einfluß der unperiodischen Schwankungen möglichst zu dämpfen.
Aus den früheren nicht geringzähligen, jedoch erfolglosen Versuchen, die
atmosphärischen Gezeiten in außertropischen Breiten nachzuweisen, sowie aus
den Untersuchungen Chapmans?) bin ich zu folgendem Schluß gelangt: Der
Mißerfolg der früheren Untersuchungen ist: wohl durch die großen unperiodischen
1) S. Chapman, The lunar atmospheric _tide at Greenwich 1854—1917. Quarterly Journal
of the Royal Meteor. Society, October 1918, Vol. XLIV, Nr. 188.
2) Siehe auch: S. Chapman, The lunar tide in the earth’s atmosphere. Quärt, Journ, of
the R. Met. Soc., April 1919, Vol. XLV, Nr. 190. Aus der Zeitschriftenschau der Meteor, Zeitschrift
erfahre ich, daß im Hefte Nr. 203 des Quart. Journal eine neue Arbeit von S, Chapman über
atmosphärische Gezeiten (in Aberdeen) erschienen ist, Das ‚genannte Heft des Quart, Journal ist
zur Zeit (November 1922) leider noch nicht in Petrograd zu erhalten gewesen.