Zongards, H.: Die aerologischen Flugzeugaufstiege der Deutschen Seewarte im Jahre 1922, 109
3000 m schließlich eine zweite von geringerer Mächtigkeit. Die untere Isothermie
ist im Abstieg, d. h. nach Verlauf von weniger als einer Stunde verschwunden,
die überadiabatische Bodenschicht hat sich bis zur Höhe ihrer früheren oberen
Grenze emporgearbeitet. Es ist der typische Fall des letzten Stadiums einer
Bodeninversion, die durch Konvektionsströmung vernichtet wird. Eine recht
erhebliche Änderung der Temperaturschichtung ist aber in der Schicht zwischen
500 und 1600 m zu beobachten. . Die Inversionsschicht, innerhalb deren anfangs
nur eine schwache Änderung des umgekehrten‘ Gradienten zu bemerken war,
liegt tiefer und tritt als Doppelschicht auf, mit einer Zwischenschicht, in der
ein überadiabatischer Gradient herrscht. In der ganzen Schicht von 700—1400 m
hat die Temperatur stark zugenommen. Darüber liegt ebenfalls wieder eine
Schicht mit überadiabatischem. Gradienten. Die obere Grenze der Inversion
bildet eine Dunstschicht und bei einem höheren Feuchtigkeitsgehalt der Luft
wäre es wohl zu einer cu-Entwickelung gekommen, von der aber auch am Nach-
mittag nichts zu bemerken ist. Der Vorgang, daß eine Umkehrschicht sich im
Laufe kürzerer Zeit unter wesentlicher Erhöhung ihrer Temperatur gewisser-
maßen verdoppelt, scheint nicht selten zu sein. Wenigstens wurden auch im
Jahre 1921 mehrere derartige Fälle beobachtet, und zwar alle in der Gegend
des cu-Niveaus, Starke Temperatursteigerungen innerhalb einer Inversions-
schicht scheinen tagsüber recht häufig zu sein, wie die Zustandskurven vom
16., 18. und 19. Mai vermuten lassen. Die Schicht zwischen 1000 und 2000 m
scheint überhaupt in bezug auf Temperaturänderungen besonders bevorzugt zu
sein, Das ergibt sich auch aus Bild 4 (Tafel 5), in dem als Abszissen die zeit-
liche Temperaturänderung zwischen zwei aufeinanderfolgenden Anstiegen, als
Ordinaten die Höhen aufgetragen sind. Das tritt nicht nur in den Änderungen
tagsüber, sondern auch im Laufe der Nacht hervor (Kurven c u. d). In einem
dieser Fälle (c) tritt in der ganzen Schicht vom Boden bis zu 5000 m im Laufe
der Nacht eine Abkühlung ein. In etwa 2000 m Höhe dagegen findet eine
Temperaturerhöhung statt, In der folgenden Nacht (d) ist die allgemeine Er-
wärmung der ganzen Luftschicht bis 5500 m bei etwa 1500 m besonders stark.
In beiden Fällen liegen diese Höhen im Bereich dauerhafter Temperaturumkehr-
schichten. Im ersten Falle liegt am Morgen die cu-Basis in 1500 m Höhe.
Tagsüber lösten sich die cu auf, und es herrschte außerordentlich klares, sichtiges
Wetter, so daß der Flugzeugführer an diesem Tage eine Fernsicht bis weit über
die Ostsee hin hatte. In ursächlichem Zusammenhang damit steht wohl der
geringe Wasserdampfgehalt der Luft (Rel. Feucht. durchweg 40—60°%/).
Besonders beachtenswert ist die Beziehung zwischen Temperaturänderungen
in der Atmosphäre und den Druckänderungen am Boden. An der Hand des
umfangreichen Lindenberger Beobachtungsmaterials ist diese Frage bereits
früher u. a. von Trabert!) und Defant?) behandelt worden. Die Woche vom
£5.-—20. Mai, in der Beobachtungen an der Mehrzahl von Tagen bis zu Höhen
vorliegen, die mehr als die Hälfte der Masse der gesamten Atmosphäre um-
fassen, verdient ein Vergleich des Temperaturgangs mit dem Verlauf des Luft-
ärucks am Boden besondere Beachtung.
Den Gang des Luftdrucks zeigt Bild 5 (Tafel 5), den Temperaturverlauf
die Höhenisothermen in Bild 1 (Tafel 5). Vom 15.—16. Mai vorm. ist in allen
Höhen, abgesehen von den bodennahen Schichten, ein starkes Ansteigen der
Temperatur zu beobachten, das besonders intensiv in der Schicht zwischen 1000
und 3000 m auftritt. Vom Vormittag bis zum Nachmittag ist der Gang nicht
einheitlich in allen Schichten, doch überwiegt die Neigung zum Fall. Dieser
Fall verstärkt sich in der folgenden Nacht zum 17. in allen durchmessenen
Schichten und setzt sich in den Schichten unterhalb 2000 m bis zum 20. Mai
vormittags fort. In den Schichten oberhalb 3000 m ändert sich die Temperatur
vom 18. nachmittags ab nicht wesentlich. Der Fall ist nach diesem Termin am
i) Sitzungsberichte der Wiener Akademie Bd. 118, 1909.
2) Beitr, z.. Phys. d, fr. Atm, Bd. V, Heft 3.
Ann, d. Hydr, usw. 1923, Heft V,