Peters, H.: Theorie der eintägigen Gezeiten im Südchinesischen Meere und im Golf von Mexiko. 3
Süden (2). Ein in Ost-—West-Richtung aufgestelltes Horizontalpendel macht in
eginem Mondtage nur eine Schwingung. N
Die Pendel II und III zeigen Ausschläge nach dem. ÄAquator. Die Ab-
lenkung ist beim Pendel III bei der Nachtflut größer (2), bei der Tagflut dagegen
kleiner als beim Pendel II, Es ist also in dieser Breite bei der Nachtflut die
horizontale Komponente der fluterzeugenden Kraft oder, was dasselbe bedeutet,
die Neigung des Meeresbodens im Verhältnis zur ungestörten Wagerechten eine
stärkere als bei der Tagflut und die Bewegung des Wassers in südlicher Richtung
daher eine schnellere. Obgleich nach der Gleichgewichtstheorie also hier die
Tagflut die höhere sein sollte, so ist es doch leicht erklärlich, daß an Küsten,
die sich der Wasserbewegung als Hindernisse entgegenstellen, in den betreffenden
Breiten die Nachtflut höher ist als die Tagflut.
An Hand unserer Zeichnung wollen wir uns nun noch ein Bild von dem
Verlauf der Fluten innerhalb eines Monats am Nordpunkt des Beckens machen.
Beim Mond im Äquator entstehen, wie wir sahen, in einem Tage zwei Fluten
von gleicher Höhe, Am folgenden Tage befindet sich der Mond nicht mehr
genau über dem Äquator. Bei beginnender nördlicher Deklination liegt der
Gipfel der Tagflut ein wenig nördlich, der Gipfel der Nachtflut ein wenig süd-
lich vom Äquator. Das Hochwasser bei der oberen Kulmination nimmt an Höhe
zu, während es bei der unteren Kulmination abnimmt. Die Differenz zwischen
den beiden Fluten eines Tages ‚wird von Tag zu Tag größer, so daß bald das
Hochwasser bei der unteren Kulmination nicht mehr die Höhe des Mittelwassers
arreicht und bei der größten Monddeklination ganz verschwindet. Dann erhält
der Nordpunkt im Verlauf eines Tages den niedrigsten Wasserstand bei der
unteren Kulmination. Wir haben also reine Eintagsfluten, ;
Nähert sich der Mond wieder dem Äquator, so nimmt die Fluthöhe bei
der oberen Kulmination ab, der Wasserstand sinkt bei der unteren Kulmination
nicht mehr so tief, Es entstehen auch bei der unteren Kulmination wieder
Fluten, die anfangs nur geringe Höhe aufweisen, allmählich aber den immer
mehr an Höhe abnehmenden Fluten bei der oberen Kulmination nahe kommen,
bis beim Mond im AÄAquator beide gleich hoch sind,
Bekommt der Mond südliche Deklination, so steigt am Nordpunkt das
Wasser bei der oberen Kulmination nicht so hoch als bei der unteren, die Tag-
Auten nehmen ab, die Nachtfluten zu, bis bei der oberen Kulmination das Mittel-
wasser nicht mehr erreicht wird, Bei der größten südlichen Deklination haben
wir im Nordpunkt des Beckens den tiefsten Stand des Wassers bei der oberen
Kulmination, den höchsten bei der unteren, so daß auch jetzt reine Eintagsfluten
entstehen, Nimmt die südliche Deklination ab, so nimmt auch die Fluthöhe am
Nordpunkt ab, und das Wasser sinkt auch bei der oberen Kulmination nicht
mehr so tief, bis allmählich wieder zwei Fluten einsetzen, die gleiche Höhe auf-
weisen, wenn der Mond im Aquator steht.
Die Veränderung der Richtung der fluterzeugenden Kraft erfolgt nicht
so langsam, daß, wie die Gleichgewichtstheorie annimmt, das Wasser hinreichend
Zeit hat, bei jeder Stellung des Mondes den Gleichgewichtszustand zu erreichen,
Es bleiben vielmehr die einzelnen Hoch- und Niedrigwasser hinter den dazu-
gehörenden Mondstellungen zurück, sie verzögern sich also, wie dies auch bei
den Gezeiten der anderen Breiten der Fall ist. Die Stärke dieser Verzögerung,
die sogenannte Hafenzeit, ist nur durch die Beobachtung festzustellen.
, Die Gezeitenerscheinungen in einem abgeschlossenen Meere unter dem
Äquator sind nach der vorstehenden Theorie also außerordentlich charakteristisch
und von den Erscheinungen in anderen Breiten so verschieden, daß sie nicht
übersehen werden können, wenn sie tatsächlich vorhanden sind und Beobachtungen
angestellt wurden,
Wie bereits erwähnt, finden wir nur zwei einigermaßen abgeschlossene
Meeresteile, die für die Untersuchung in Frage kommen, den Golf von Mexiko
und das Südchinesische Meer, und von diesen beiden ist es das letztere, das alle
Merkmale am deutlichsten hervortreten lassen muß, weil es das größere ist, und
weil es am besten durch Inseln und unterseeische Bodenerhebungen gegen die