Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Januar 1923,
Als solche sind zu bezeichnen das Südchinesische Meer und der Golf von
Mexiko.
Bevor wir jedoch auf die näheren Verhältnisse in diesen Meeren eingehen,
3oll zunächst untersucht werden, welche Erscheinungen wir in einem ab-
geschlossenen Meeresbecken von hinreichender Größe in den bezeichneten Breiten
zu erwarten haben. Die ganze Erde denken wir uns gleichmäßig mit Wasser
bedeckt, nur die Wände AB und CD (siehe Abb. 1, Tafel 1) schließen das da-
zwischen liegende, kreisförmige Gebiet völlig von dem übrigen Wasser ab, so
daß die Wasserbewegung innerhalb der Wände unabhängig ist von Ebbe und
Flut im Ozean,
Bei aufgehendem Mond entsteht im östlichen Teil des Beckens eine Flut.
Nähert sich aber der Gipfelpunkt der Flut (Endpunkt der langen Achse des
Flutellipsoids) der Mitte des Beckens, so nimmt im westlichen Teil sowie im
Norden und Süden der Wasserstand zu, um bei untergehendem Mond oder früher
im Westen Hochwasser zu erzeugen, während im Norden und Süden abermals
Ebbe einsetzt. Der Gipfelpunkt der Nachtflut (Flut bei der unteren Kulmination
des Mondes) hält sich ebenfalls über dem Äquator, so daß im Laufe eines Mond-
tages im ganzen Becken zwei Fluten von gleicher Höhe entstehen. Die Ver-
zögerungen, die alle Erscheinungen im Verhältnis zur Kulmination des Mondes
zeigen (Hafenzeit), lassen wir zunächst unberücksichtigt, nehmen vielmehr an,
daß das Wasser stets hinreichend Zeit hat, das Gleichgewicht herzustellen.
An der Außenseite unserer Wand entstehen im Ozean ebenfalls im Laufe
eines Mondtages zwei Fluten, die untereinander fast gleich, jedoch bedeutend
stärker als die Hochwasser im Becken sind, da zur Erzeugung derselben das
Wasser aus einem viel größeren Gebiet herangezogen werden kann,
Das Pendel I in Abb. 1 (Tafel 1) unter dem Äquator macht bei einer
Rotation der Erde, also in einem Mondtage, zweimal eine Schwingung in Ost—
West-Richtung. Steht der Mond senkrecht über der Mitte des Beckens, also auch
über dem Pendel, so zeigt dasselbe keinen Ausschlag, ebenfalls nicht bei der
unteren Kulmination, Die Wirkung der fluterzeugenden Kraft besteht in beiden
Fällen nur in einer geringen Verminderung des Gewichts der Pendelkugel. Ein
in Ost—West-Richtung aufgestelltes Horizontalpendel würde im Laufe eines
Mondtages überhaupt keinen Ausschlag zeigen. Wäre es dagegen in Nord—Süd-
Richtung aufgestellt, so würde es in einem Mondtage zwei Schwingungen ausführen.
Darwin läßt in seinem Werk „Ebbe und Flut“ (S. 105, Fig. 24) die Pendel-
kugel im Laufe eines Mondtages zweimal eine Ellipse beschreiben. Da jedoch
Erdmittelpunkt, Mittelpunkt der Pendelkugel und Mond sämtlich in der Aquator-
abene liegen, so kann die fluterzeugende Kraft nur eine zweimalige Schwingung
in dieser Ebene hervorrufen. Darwin hätte also sowohl für die Springflut
als auch für die Nippflut nur eine gerade Linie zeichnen dürfen,
Die Pendelkugeln II und III in‘ den mittleren Breiten sind nach Süden
bzw. Norden abgelenkt (4), wodurch angedeutet wird, daß der Meeresboden, der
vor der Störung wagerecht lag, jetzt auf der nördlichen Halbkugel eine Neigung
nach Süden und auf der südlichen eine solche nach Norden zeigt, so daß von
beiden Seiten das Wasser nach dem Äquator hinströmt.
Befindet sich also der Mond im Äquator, so entstehen an der Außenseite
der Wand im Laufe eines Mondtages zwei Fluten von gleicher Höhe und im
Nord- und Südpunkt innerhalb des Beckens ebenfalls. Doch sind die letzteren
niedriger als die ersteren. .
Völlig anders gestalten sich die Verhältnisse, wenn der Mond seine größte
Deklination erreicht hat. Wir nehmen an, daß er dann senkrecht über dem Rand
des Beckens, bei nördlicher Deklination also über dem Punkt D steht. Dieser
Punkt hat dann also auf der ganzen Erde den höchsten Wasserstand, der nach
der Gleichgewichtstheorie erreicht werden kann. Der Gipfel der Nachtflut geht
durch den Punkt B. Die Wand CD erhält an der Außenseite zwei Fluten von
ungleicher Höhe, die Tagflut ist die höhere. ,
Den Fluten entsprechend zeigt das Pendel unter dem Äquator bei der
Tagflut einen Ausschlag nach Norden (3), bei der Nachtflut einen solchen nach