2924 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, September/Oktober 1919.
Die nächtliche Abkühlung der untersten Luftschichten bei bewegter Luft.
Von A, Defant,
Bei meinen Untersuchungen!) über den Einfluß der vom Wasserdampf-
gehalt der Luft abhängigen Gegenstrahlung der Atmosphäre auf die nächtliche
Abkühlung der unteren Luftschichten wurden nur solche Abende und Nächte in
Betracht gezogen, die einen völlig heiteren Himmel bei gleichzeitiger Windstille
oder sehr geringer Luftbewegung aufweisen, Diese Einschränkung war, um zu
eindeutigen Ergebnissen zu gelangen, notwendig, denn nur aus physikalisch genau
definierten Zuständen der unteren Luftschichten war es möglich, die Abhängig-
keit der nächtlichen Abkühlung vom Wasserdampfgehalt der Luft zu ermitteln,
Daß die Bewölkungsverhältnisse während der Nacht einen großen Einfluß auf den
nächtlichen Temperaturgang besitzen, ist zahlenmäßig in den bekannten Unter-
suchungen A. Angots über den täglichen Temperaturgang in Paris bei ver-
schiedenen Bewölkungsverhältnissen nachgewiesen worden. Über den Einfluß der
Luftbewegung auf die nächtliche Abkühlung der unteren Luftschichten ist, soviel
mir bekannt ist, noch keine Untersuchung angestellt worden. Man weiß, daß die
nächtliche Abkühlung bei Luftbewegung kleiner ist als bei Windstille und schreibt
diese Erscheinung in richtiger Weise der Mischung der bei Nacht oberen wärmeren
Luftschichten mit den in der Nähe des Erdbodens erkalteten Luftmassen zu.
Ob ein näherer Einfluß der Stärke der Luftbewegung dabei vorhanden und wie
groß die durch die Luftmischung bedingte Temperaturerhöhung ist, darüber weiß
man nichts, Will man eine solche Untersuchung durchführen, so eignen sich
dazu wieder nur völlig heitere Abende und Nächte, um den großen Einfluß der
Bewölkungsverhältnisse' von vornherein auszuschalten, Dann bleiben noch immer
die Einflüsse des Wasserdampfgehaltes der Luft und der Anfangstemperatur
vorhanden, welche aber für windstille Nächte oder wenigstens für solche geringer
Luftbewegung nach meinen oben erwähnten Untersuchungen zahlenmäßig bekannt
sind. Wir können nach den in diesen Untersuchungen mitgeteilten Tabellen für
jeden heiteren windstillen Abend bei bekannter Anfangstemperatur und bestimmtem
Wasserdampfgehalt der Luft die zu erwartende Abkühlung in den ersten vier
Stunden nach Sonnenuntergang angeben und sie mit jener vergleichen, die tat-
sächlich eingetreten ist, falls der Abend nicht windstill war, sondern eine mehr
oder minder große Luftbewegung herrschte. Dadurch kann beurteilt werden, wie
groß der Einfluß der Luftbewegung auf die nächtliche Abkühlung war, und ob
durch dieselbe eine relative Erwärmung oder Abkühlung der unteren Luft-
schichten hervorgerufen wird. Im Einzelfall kann diese Überlegung eine Ein-
schränkung durch die Möglichkeit erfahren, daß durch die herrschende Luft-
strömung, wärmere oder kältere Luftmassen horizontal an den Beobachtungsort
herbeigeschafft werden, wodurch die regelmäßige Erscheinung der nächtlichen Ab-
kühlung gestört wird, Die Advektion verschieden temperierter Luft muß also,
wollen wir den Einfluß der Luftbewegung auf die nächtliche Abkühlung rein
erhalten, ausgeschlossen werden, Dies können wir nur durch Zusammenfassung
einer größeren Zahl von Einzelfällen zu einem Mittel erreichen, denn dadurch
dürfte sich ein Einfluß der Advektion zum größten Teil wohl ausschalten.
Eine solche Untersuchung über den Einfluß der Luftbewegung auf die
nächtliche Abkühlung der unteren Luftschichten wurde für Kremsmünster durch-
geführt; die notwendigen Zahlenwerte für die Abkühlung bei bestimmter An-
fangstemperatur und bestimmtem Wasserdampfgehalt der Luft im Falle von
Windstille oder nur geringer Luftbewegung sind in der Tabelle 2 auf S. 18 u. ff.
der früher erwähnten Abhandlung enthalten. In jedem Einzelfall, bei dem die
Windstärke die Stufe 3 der Beaufort-Skala erreichte oder überschritt, wurde
ermittelt, wie groß die Abkühlung im Falle von Windstille gewesen wäre und
wie groß sie tatsächlich war. Das Zeitintervall, das hierbei gewählt wurde, war
wieder wie früher die ersten vier Stunden nach Sonnenuntergang, und zwar im
Winter (Dezember bis Februar) von 6% p. bis 102 p., im Frühling (März bis Mai)
1) Die nächtliche Abkühlung der unteren Luftschichten und der Erdoberfläche in Abhängigkeit
vom Wasserdampfgehalt der Atmosphäre. Wiener Sitz. Berichte 125 B. 1916. Heft 10.