Postelmann, A,: Vorläufige Ergebnisse von Pilot-Doppelanschnitten usw. 211
Wasser einleuchtend, daß diese sich vorzugsweise in der unmittelbaren Nähe des
Hindernisses entwickeln werden, und damit ließe sich die unverhältnismäßige
Bevorzugung des SW-Quadranten wohl zwanglos erklären. Eine Rechtfertigung
dieser Erklärung könnte auch darin erblickt werden, daß die aus der östlichen
gebirgsfreien Längsachse des Talbeckens wehenden Winde ein deutliches Minimum
an Störungen ergeben; auch hier liegt die Deutung nahe, daß die horizontale
Beckenachse naturgemäß frei von direkt durch den Untergrund mechanisch
erzwungenen Vertikalbewegungen sein muß, während nicht einzusehen ist, daß
sie auch frei von indirekten Turbulenzwirbeln bleiben sollte.
Die Theorie Wengers versagt aber jedenfalls völlig gegenüber anderen
Tatsachen, die obige Tabelle enthält.
Sie gibt zunächst ein gänzlich anderes Bild von dem Zusammenhang
zwischen Vertikalstörung und Windstärke als Wengers Tabelle I.
Während bei Wenger die negativen Abweichungen, auch die stärksten, bei nor-
malen Werten der Windgeschwindigkeit (6 bis 7 m) liegen und erst die positiven
mit einem gleichsinnigen, raschen Anwachsen der Windwerte auf etwa 10 m ver-
bunden erscheinen, kehren sich die Verhältnisse hier beinahe um.
Im allgemeinen ist die Abhängigkeit der Größe der Vertikalstörung von
derjenigen der Windstärke insofern nur wenig deutlich ausgeprägt, als jede
positive wie negative Abweichung anscheinend bei jedem Betrage der Wind-
geschwindigkeit auftreten kann. Dies Ergebnis widerspricht durchaus der Er-
klärung durch Turbulenz, da diese nur einsinnig wirken kann, mit wachsender
Windstärke größer wird und damit auch die Steiggeschwindigkeit des Ballons
erhöht. Aber im einzelnen zeigt sich daneben auch unverkennbar, daß die
positiv größten Abweichungen keineswegs auch von den größten Windgeschwin-
digkeiten begleitet werden, die für diese extremen Gruppen gerade auffallend
gering sind, daß aber umgekehrt häufig die stärksten negativen Störungen mit
den absolut größten Werten der Windstärke zusammenhängen, ein Resultat, das
ebenfalls mit der Turbulenztheorie unvereinbar ist, die das Minimum an Steig-
geschwindigkeit für absolut ruhige Luft verlangt. So bedürfte es eigentlich kaum
noch eines Hinweises auf die zahlenmäßigen Beträge der größten negativen
Abweichungen, um die Unhaltbarkeit der Theorie unwiderleglich festzustellen:
es sind in Sofia mit unbedingter Sicherheit mehrfach negative Abweichungen
über 300 m/min, ja einmal bis zu 376 m/min beobachtet worden, die minuten-
lang anhielten und in Verbindung mit etwa 210 m/min positiver normaler Steig-
geschwindigkeit eine tatsächliche Abwärtsbewegung des Ballons mit fast 3 m/sec
Geschwindigkeit nachgewiesen haben, die während der ersten Minuten (etwa in
500 m Höhe) bisweilen direkt beobachtet werden konnte, ein anderes Mal (in
etwa 3000 m) bei der Auswertung minutenlang den Eindruck erweckte, als beginne
der Ballon wegen Gasverlusts zu sinken, so daß schon auf die weitere Aus-
wertung verzichtet werden sollte.
Mit dem Nachweis der Existenz solch ausnehmend geringer oder gar
negativer Geschwindigkeiten fällt auch eine mehr theoretische Stütze der
Turbulenztheorie, Nach Wenger (S. 131) kann der Wert der Reynoldsschen
Zahl w um das vier- bis fünffache seines Betrages und können damit die zu-
gehörigen Werte der Steiggeschwindigkeit um mehr als das Doppelte schwanken,
so daß der Einfluß der Turbulenz auch quantitativ vollkommen genüge, um alle
Unregelmäßigkeiten der Ballonbewegung zu erklären, und es aus diesem Grunde
nicht gestattet sei, aus den Schwankungen auf Vertikalbewegung der Luft zu
schließen. Auch dieser Satz gilt allenfalls nur für das Material, das Wenger
benutzt hat, wo (Tabelle I) innerhalb der von ihm gewählten Grenzen von etwa
+ 1 m/sec Geschwindigkeitsabweichung und bei der angenommenen durchschnitt-
lichen Steiggeschwindigkeit von 200 m/min tatsächlich die Steiggeschwindigkeit
des Ballons zwischen 2 m/sec und 4 m/sec, d. h. um das Doppelte schwanken
kann. Aber die obige Tabelle von Sofia setzt an den Grenzen ein, wo Wengers
Material von Lindenberg aufhört, und die hier auftretenden Schwankungen der
Steiggeschwindigkeit liegen sämtlich außerhalb des Schwankungsbereichs der