208 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, September/Oktober 1919,
Die Analogie der Erscheinungen im strömenden Wasser, das über Unebenheiten
dahinfließt, legte die Vermutung nahe, daß das Charakteristische jener
Störungen in dem Auftreten besonders ausgeprägter Vertikalströmungen liege.
Eine Bestätigung dieser Ansicht gaben bald einige der in Sofia seit Anfang 1917
versuchsweise, von Mitte Februar 1917 ab regelmäßig ausgeführten Doppelvisierungen,
die gerade an Tagen angestellt wurden, wo die auf der Balkanhalbinsel
herrschende Wetterlage im Talbecken von Sofia scharf ausgeprägten
Föhn hervorrief und die ganz unerwartet starke Störungen der normalen Vertikalbewegung
des Ballons ans Licht brachte. Jedoch wurde die Hoffnung, in
kurzer Zeit ein genügend umfangreiches und brauchbares Material zu eingehenderen
Untersuchungen zu gewinnen, fürs erste nicht erfüllt. Einerseits
bildete das Auftreten typischer Föhntage während der ersten Monate des Jahres
doch immer nur einen Ausnahmefall, anderseits setzten sie mit fortschreitender
Jahreszeit — etwa von Mai ab -— gänzlich aus, da die meteorologischen Bedingungen,
die sie veranlassen, sich während des Sommerhalbjahres ins gerade
Gegenteil verkehren und mit bemerkenswerter Konstanz so halten. Die sommerliche
Wetterlage aber mit ihrer anders gerichteten und im allgemeinen viel
schwächeren Luftbewegung rief auch hinsichtlich der vertikalen Komponente nicht
die auffallenden Erscheinungen hervor, die offenbar an stark bewegte und in
ganz bestimmter Richtung strömende Luftmassen geknüpft waren; dazu kam, daß
durch Mängel der benutzten Instrumente sowie durch methodische Schwierigkeiten
in der Beobachtung und Auswertung (die vorherrschende Windrichtung
fiel mit der Richtung der Standlinie zusammen) die Zuverlässigkeit der gewonnenen
Resultate oft erheblich herabgesetzt wurde und eine große Zahl von
Aufstiegen für eine weitere Bearbeitung völlig ausscheiden mußte. Wenn trotzdem
jetzt schon einige der Ergebnisse in vorläufiger Zusammenfassung mitgeteilt
werden, so war dafür vor allem die Tatsache entscheidend, daß neuerdings
die Möglichkeit bestritten worden ist, aus den Schwankungen der Steiggeschwindigkeit
irgendwelche Schlüsse auf Vertikalbewegung in der Atmosphäre zu ziehen.
Diesen Standpunkt vertritt mit besonderer Schärfe R. Wenger-Leipzig in seiner
Arbeit „Die Steigegeschwindigkeit der Gummiballone und die Turbulenz in der
Atmosphäre“ (Ann. d, Hydr. usw. 1917, IV), in der alle Schwankungen, die in
der Steiggeschwindigkeit der Ballone beobachtet werden, qualitativ und quantitativ
durch die Veränderungen im Turbulenzzustand der Luft erklärt werden.
Die in Sofia gemachten Erfahrungen zeigen jedoch, daß der Satz in dieser
Unbedingtheit sich nicht aufrechterhalten läßt und daß Schwankungen in der
Ballonbewegung auftreten, die nur durch die Annahme von Vertikalströmungen
zu verstehen sind. Auf diese Vertikalbewegungen hin wurde daher das hier
bisher gesammelte Material einer Durchsicht unterzogen,
Uber die Gewinnung des Materials sei kurz folgendes vorausgeschickt:
Die Beobachtungen fanden in den weitaus meisten Fällen am Morgen, nur einige
wenige Male auch am Nachmittag statt; die Standlinie betrug 2655 m und
erstreckte sich in der Richtung Nz0—5SzW. Die benutzten Instrumente — Bunge,
Bosch, Hartmann und Braun — mußten wegen allgemeiner oder individueller
Mängel, die in Gestalt größerer systematischer Abweichungen in den Resultaten
zutage traten, oft gewechselt werden. So wurde leider der durchschnittliche
Fehler einer Höhe, der bei störungsfreiem Arbeiten gelegentlich bis zu horizontalen
Entfernungen von mehr als 10 km und Höhen bis über 4000 m hinaus
unterhalb von -+ 5m gehalten werden konnte, vielfach recht groß. Dazu trat
mit Beginn des Sommers ein weiteres ungünstiges Moment, indem entsprechend
der Richtung der vorherrschenden Winde der Ballon sich fast ständig in der
Richtung der Basis bewegte und dadurch die Ermittlung der wahren Höhe mit
einer weiteren Unsicherheit behaftet wurde. Endlich erlitten die Beobachtungsreihen
häufiger Unterbrechungen durch Störungen in der telephonischen Verbindung
und mußten in den Herbstmonaten oft tagelang durch die Ungunst der
Witterung, tiefe Stratusdecken am Fuße des Gebirges oder anhaltend schlechte
Sicht im Talbecken vorzeitig beendet oder aufgegeben werden.