Wedemeyer, A.: Das winkeltreue gegenazimutale Kartennetz nach Littrow. 185
Die Bezeichnung »azimutal« erweckt falsche Vorstellungen. Das Eigen-
schaftswort »azimutal« ist vom Hauptwort »Azimut« abgeleitet. Infolgedessen
muß der unbefangene Leser denken, daß eine azimutale Karte die Azimute
an allen Stellen der Karte treu abbildet. Das tut aber jede winkeltreue Karte,
die nicht einmal azimutal nach Maurers Erklärung zu sein braucht. In dem
Worte »azimutal« sind nach der üblichen Erklärung zwei Begriffe miteinander
verbunden, die nichts miteinander zu tun haben. Breusing nennt Karten, in
denen die Großkreise durch einen Punkt der Karte als Gerade abgebildet werden,
lie sich unter einem Winkel gleich einem beliebigen Teile des entsprechenden
Kugelwinkels schneiden, »strahlig«. In dem Wort »strahlig«, das von Strahl
abgeleitet ist, kommt zum Ausdruck, daß das Großkreisbüschel durch Gerade
abgebildet wird. Herr Maurer weist zenitalen Karten die Eigenschaft zu,
daß die Nebenkreise um den Hauptpunkt der Karte als Kreise abgebildet werden,
und daß auf jedem dieser Kreise ein bestimmtes Verzerrungsverhältnis gilt.
Diese Eigenschaft ist sehr wichtig und wichtiger als die Azimutalität einer Karte.
Aus der Erklärung folgt sofort, daß Karten mit dieser Eigenschaft zum Messen
von Strecken und Winkeln geeignet sind, wie ich es in der Zeitschrift der Ges,
if. Erdkunde, Berlin 1917, Nr. 2, ausgeführt habe. »Azimutal« ist also eine
Unterabteilung der zenitalen Karten, Ich möchte daher für diese Karten die
Bezeichnung »strahlig-zenital« vorschlagen, Der einzige Grund, der für die
Beibehaltung der Bezeichnung »azimutal« angeführt wird, ist, daß seit etwa
60 Jahren diese Bezeichnung sich eingebürgert hat, und daß durch Einführung
einer neuen Bezeichnung eine Vergrößerung des Wirrwars in den Bezeichnungen
befürchtet werden muß, Dagegen ist zu sagen, daß derjenige, der die Bezeich-
nung zuerst geprägt hat, nicht das Bedürfnis hatte, strahlig und zenital zu
trennen, denn ihm waren Karten, die doppelt strahlig sind, noch nicht be-
kannt. Herr Immler nennt solche Karten »doppelazimutal«, Diese Bezeich-
nung entspricht in keiner Weise den üblichen Erklärungen für »azimutal«. Auch
die Bezeichnung »gnomonisch« für diese Karten ist falsch; es dürfte statt dessen
»geradwegig« heißen. Herr Thorade sagt in den Ann. d. Hydr. usw. 1919, S. 37:
»Verlangt man von einer Projektion, daß sie in zwei Punkten azimutal ist, so
bildet sie alle Großkreise als Gerade ab.« »Azimutal« kann hier nur gleich-
bedeutend mit »strahlig« sein, denn eine Karte, die nach der üblichen Er-
klärung in zwei Punkten azimutal ist, kann es nicht geben. Dem Einwurfe, es
wäre nicht nötig, Bezeichnungen für derartige Karten festzusetzen, — man be-
trachte sie nicht als Karten, sondern als Kartogramme!) — da sie nicht ge-
braucht werden, ist leicht zu begegnen. Ob eine Karte gebraucht werden wird
dder ob sie Bedeutung erlangen wird, kann niemand vorhersagen. Sicher ist,
daß die »doppeltstrahlige« Karte ein wertvoller Ersatz der »gnomischen« Karte
ist, denn sie mildert deren unangenehme Eigenschaften und gestattet, größere
Flächen abzubilden. Bemerkt werden möge noch, daß Möbius für die
Immlersche Bezeichnung »bipolare Koordinaten« die Bezeichnung »bizir-
kulare Koordinaten« eingeführt hat.
B. Entspricht Littrows Kartennetz den Bedingungen der Gegenazimutalität?
In Littrows Kartennetz schneiden die Azimutgleichen den Mittelmeridian
unter einem Winkel, der gleich dem Supplement des Azimuts ist. Die Littrow-
sche Karte ist also nicht gegenazimutal; denn dadurch, daß sie die Eigen-
schaft, deren Vorhandensein in einem Punkte schon die Gegenazimutalität
ausschließt, auch noch in anderen Punkten besitzt, kann sie doch nicht den
Charakter der Gegenazimutalität gewinnen. Das wäre doch nach Maurers
eigenen Worten dieselbe Logik, wie wenn jemand sagen wollte: »Kennzeichen
eines Hausbesitzers ist, daß er irgendwo ein Haus besitzt; deshalb ist jemand,
der nirgends ein Haus besitzt, ein Hausbesitzer, «
Auf die Bemerkungen C. von Maurer einzugehen, erübrigt sich nach den
obigen Darlegungen.
) Dies Wort scheint »urdeutsch« zu sein.