186 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Mai’Juni 1919.
(Eisenbahn, Fabrik, Stadt, Wasserflächen, nasse Wiesen), so ist das Ziel ungeeignet.
Auch darf die Strecke nicht ungleichmäßig beleuchtet sein (bei teilweiser Be-
wölkung). Zur Messung nimmt man das entfernteste, bei der herrschenden Sicht
noch erkennbare Ziel,
Für die Messung der vertikalen Sicht vom Boden aus benutzt man als
Ziel einen Ballon oder ein Flugzeug mit bekannter Entfernung und Seehöhe.
Wird vom Ballon oder Flugzeug aus mit dem Sichtmesser beobachtet, so legt
man als Ziel ein genügend großes weißes Tuch mit schwarzem Kreuz auf dem
Boden aus.
Wenn. Fehlsichtigkeit des Auges mit Brille oder Fernglasokular so
korrigiert wird, daß man das Ziel deutlich sieht, so ist die Einstellung des Sicht-
messers unabhängig vom Wechsel der Versuchsperson. Bei Zwischen-
schaltung eines Fernglases zwischen Auge und Sichtmesser ergibt sich dieselbe
Einstellung wie ohne Fernglas. Beobachtung mit dem Fernglas zwischen Sicht-
messer und Ziel ist zu vermeiden, da man alsdann eine andere Einstellung
erhält als ohne Fernglas,
Die Konstanz der Sicht ist wegen zeitlicher Schwankungen und örtlicher
Verschiedenheiten nicht beträchtlich. Die Einteilung des gesamten Meßbereichs
von dichtestem Nebel bis zu klarster Luft in 15 ganzzahlige Filterstufen ist zur
Erzielung der größten Meßgenauigkeit vollkommen ausreichend. Bei mehrmaliger
Einstellung kurz hintereinander auf dasselbe Ziel erreicht man eine Genauig-
keit von + 0.5 Einheiten der Filterskala,
Theorie,
Man versteht unter dem üblichen Begriffe „Sicht“ die Erkennbarkeit
mehr oder weniger entfernter Objekte.
Um zu einer physikalischen Analyse des Begriffes der Sicht und zu einer
scharfen Definition zu gelangen, unterscheiden wir zunächst zwischen mecha-
nischer, thermischer und optischer Trübung der Luft.
Die mechanische Trübung der Luft ist bestimmt durch Anzahl, Größe,
Natur, Aggregatzustand und Form der luftfremden Teilchen (Staub, Dunst- und
Nebeltröpfchen,. Eiskristalle).
Die thermische Lufttrübung entsteht durch ungleichmäßige Erwärmung
der Luft, besonders in der Nähe des Erdbodens, und äußert sich in Öörtlich-zeit-
lichen Schwankungen der Luftdichte („thermische Schlierenbildung“).
Die optische Trübung der Luft kommt in der Güte der Sicht zum Aus-
druck; für sie sind zunächst die mechanische und thermische Trübung, sodann
noch einige weitere physikalische und physiologisch-optische Faktoren maß-
gebend. Je geringer die optische Trübung, desto besser die Erkennbarkeit eines
Zieles, desto besser also die Sicht.
Die optische Trübung der Luft entsteht durch folgende Wirkungen, die
wir als Elemente der Sicht bezeichnen können:
1. Mechanische Trübung der Luft. Sie äußert sich optisch durch Licht-
absorption und Lichtzerstreuung.
a) Lichtabsorption. Nach Maßgabe der mechanischen Trübung der
Luft wird ein Teil des vom Ziele kommenden Lichtes auf seinem Wege
zum Beobachter absorbiert, das Ziel durch die luftfremden Körperchen
teilweise abgedeckt. Die Absorption verändert Helligkeits- und
Farbunterschiede des Zieles gegen seinen Hintergrund,
Lichtzerstreuung., Durch diffuse Reflexion, Brechung und Beugung
zerstreuen die luftfremden Teilchen nach dem Grade der mechanischen
Lufttrübung das auf sie treffende Licht und schwächen dadurch einer-
seits das vom Ziele ausgehende Licht (teilweise Abdeckung), während
sie anderseits eine Eigenhelligkeit der Luft vor dem Ziele erzeugen
(„Dämmerungsstrahlen“). Die Zerstreuung gleicht Helligkeitsunter-
schiede aus und verändert Farbunterschiede. Von einer gewissen
Eigenhelligkeit der Luft an ist der Helligkeitsunterschied des Zieles
vyegen seinen Hintergrund nicht mehr wahrnehmbar.
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