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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Mai/Juni 1919.
Beiträge zur Schiffahrtskunde.
Von Fregattenkapitän a. D. Gotzhein.
(Hierzu Tafel 2.)
1. Abstandsänderung von Schiffen,
Die Abstandsänderung von Schiffen ist von ihren Geschwindigkeiten, ihren
Kursen und ihren gegenseitigen Peilungen abhängig. Es sind also drei Größen
zu ihrer Bestimmung zu beachten, von welchen zudem noch die Peilungen steter
Veränderung ausgesetzt sind. Doch diese anscheinend so schwierige Aufgabe läßt
sich durch Einführung des Bewegungsdreiecks, wie es in dem Abschnitt »Aus-
weichen« in der gleichlautenden Arbeit im Dezemberheft letzten Jahres dieser
Zeitschrift beschrieben ist, sehr vereinfachen.
Ist die Fahrt des einen Schiffes — 0, d. h. es liege zu Anker oder es sei
auch ein fester Punkt an Land, läßt sich die Abstandsänderung durch eine an
dem Punkte vorbeigeführte Kurslinie darstellen (Fig. 1). Deckt sich eine Ziel-
entfernung bei einer Peilung des festen Punktes mit der abzugreifenden Ent-
fernung auf der Zeichnung, sind alle Entfernungen für die gewählten Peilungen
richtig, und damit sind es auch die abzugreifenden Abstandsänderungen, Auf
diesem Kurse läßt sich im voraus die Entfernung für jede Peilung ab-
greifen. Entweder wird hierzu auf dem Kurse selbst eine Zeitskala aus der
Fahrt des Schiffes abgeleitet oder, und das ist die praktischere Art, es wird von
dem Standort bei der ersten Peilung in beliebiger Richtung eine in beliebigem
Maßstabe nach Minuten — Sekunden geteilte Linie gezogen, deren Endpunkt
mit dem der Zeit nach, z. B. 3 Minuten, abgegriffenen Punkte auf dem Kurse
verbunden wird. Jede Parallele zu dieser Linie durch einen Punkt der Zeitlinie
bezeichnet den Standort des Schiffes zu dieser Zeit, und umgekehrt bezeichnet
jede Parallele durch eine Peilung, in welche das Schiff einlaufen wird, den Zeit-
punkt des Eintretens in diese Peilung.
Da ja eigener Kurs und Fahrt auf das genaueste bekannt sind, müssen
die wirklichen Peilungen und Uhrzeiten mit den Angaben der Zeichnung über-
einstimmen, sobald der Abstand vom anvisierten Punkt in der ersten Peilung
richtig war. Zeigen sich Unterschiede zwischen Wirklichkeit und Zeichnung,
muß die Kurslinie parallel bis zum richtigen Abstand verschoben werden. Es
ist das die bekannte Aufgabe der Navigation, eine abgelaufene Strecke zwischen
zwei Peilungen einzupassen. In Fig. 1a ist sie durchgeführt.
Bei der Bestimmung der Abstandsänderung vom festen Punkt nach be-
wegtem Schiff kommt es darauf an, sich möglichst ein Bild über Kurs, Fahrt
und über den Winkel zwischen Kurs und Peilung zu machen. In dem oben
schon erwähnten Aufsatze ist im Abschnitt »Kurs- und Abstandsbestimmung «
eine Art der Bestimmung aus drei Peilungen und den Zwischenzeiten angegeben,
welche die Konstruktion der Kurslinie des Schiffes gestattet und bei Kenntnis
einer Entfernung oder der Geschwindigkeit das ganze Passierbild mit Abständen
und Uhrzeiten festlegen läßt,
Fig. 2 zeigt die Abhängigkeit der Entfernungsänderung von dem Winkel
zwischen Kurs und Peilungslinie. Bei Peilung in der Kiellinie ändert der Ab-
stand mit der Größe der Geschwindigkeit, bei Querabpeilung bleibt er gleich.
Roh angenähert kann die Abstandsänderung als das Produkt aus durchlaufener
Strecke mit dem cos des Winkels zwischen Kurs und Peilung berechnet werden,
wobei Abstandsverringerung bei Peilungen vorlicher als dwars, Abstandsver-
größerung bei achterlicher Peilung eintritt.
Für die Bestimmung der Abstandsänderung von bewegtem Schiffe nach
bewegtem Schiffe erfährt die Fig. 1 eine kleine Umformung.
Wie schon erwähnt wurde, ist die Abstandsänderung von Fahrt, Kurs und
Peilung des anderen Schiffes außer von diesen ja bekannten Werten des eigenen
Schiffes abhängig. Das Finden dieser fehlenden Angaben ist in dem schon
erwähnten Aufsatze im Dezemberheft gelöst; sie seien hier als bekannt voraus-
gesetzt.