©)
Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Januar 1918.
Begründung wähle ich noch den Monat März des Jahres 1916, der für starke und
weite Schallübertragung des K. D. vielleicht der ausgezeichnetste des ganzen Krieges
an der Westfront gewesen ist. Denn für ihn wird ausdrücklich bemerkt, daß die
Windgeschwindigkeit im allgemeinen zu klein gewesen ist, und die Mittelwerte
in keiner Luftschicht erreicht worden sind!). Tn diesem Monat haben wir es für die
Schallübertragung nicht mit einem schnell vorübergehenden günstigen Zustand zu
tun, sondern mit einem vom Februar herübergenommenen Dauerzustand, bei dem
ler K. D. fortgesetzt, wenige Fehltage ausgenommen, weithin hörbar gewesen ist.
Nach den mir vorliegenden Nachrichten ist er am 1. März gehört worden in Gronau
i. Westf. (400 km), am 2. in Korbach ij. Wald. (320 km), am 3. in Bamberg und auf
der Warburger Börde (400 km), am 4. in Oberdachstetten (380 km), am 6. in Bamberg,
am 7. und 8. am Rhein (200 km und mehr), am 9. in Aschaffenburg, am 10. in Bamberg,
am 11. bis 15. mihdestens bis zum Rhein, am 16. in Darmstadt (230 km),
am 17. in Mühlhausen i. Thüringen (430 km); große Reichweiten sind in ihm noch
beobachtet worden am 18. bis 21. und am 27., 30. und 312,
Zum Schlusse wollen wir die größten bekannt gewordenen Reichweiten des
K.D. von der Westfront nach Osten hin aufzählen. Es sind die oben genannten
nach Bamberg rein westwärts, nach Mühlhausen und dem Teutoburger Wald nordostwärts
auf 400 bis 430 km. Im ersten Falle ist der Schall nur sehr schwach und
kaum erkennbar, in den beiden anderen Fällen nach den vorliegenden Beschreibungen
deutlich gehört worden. Deshalb ist es möglich, daß gegehenenfalls die Hörweite noch
etwas größer sein kann, und so erscheint mir die von Brand?) gemeldete Entfernung
von 450 km nicht unwahrscheinlich. Tatsache aber ist es und nicht mehr
zu bezweifeln, daß der Donner eines Geschützes auf die außerordentliche Entfernung
von über 400 km vernommen werden kann, Tyndall, der in seinen Aufsätzen
die Frage nach der Reichweite öfters streift, betrachtet schon 20 km als
sehr große Entfernung für die Ausbreitung des Schalls; erst der jetzige Krieg ließ
uns viel größere Reichweiten erkennen?). Um eine räumliche Vorstellung dafür
zu geben, will ich das vom Schall überquerte Gelände zwischen Verdun und Mühlhausen
i. Thür. beschreiben. Eine gerade Verbindungslinie trifft die Mosel nordwärts
Trier (85 km), den Rhein bei St. Goar (200 km), die Schwalm bei Alsfeld
(330 km) und die Werra bei Eschwege (410 km); sie läuft über die lothringische
Hochebene, die Ausläufer des Hundrücks zur Mosel und des Taunus zur Lahn, den
Vogelsberg und das hessische Hügelland, nordwärts der Rhön und des Thüringer
Waldes. Wir wissen, daß gerade bei diesen weiten Entfernungen der Schall sich
in einer solchen Höhe fortpflanzt, daß die Höhenunterschiede der genannten Gebirge
keinen Einfluß üben werden; nur dort, wo die Schallwellen zur Erde herabkommen,
um das Ohr des Menschen zu treffen, hat die Gestalt des Geländes Bedeutung
— oft eine bedeutende — für die Wahrnehmung infolge von Widerhall
und Resonanz.
Die Richtigkeit der hier vorgetragenen Erklärung der großen Reichweite
des Schalls kann nach dem Kriege einer interessanten Probe unterzogen werden.
In den oben besprochenen Beispielen wehte West über Ost, und der Oberwind
war der Träger des Schalls; die umgekehrte Windlage würde also eine große
Reichweite von unserer Front nach Frankreich (oder England) ermöglichen.
Nun ist die Windverteilung Ost über West für Mitteleuropa selten, z. B. sind
unter den im Jahre 1915 am aeronautischen Observatorium in Lindenberg gemachten
1140 Aufstiegen von Ballonen und Drachen nach meiner Zählung nur 8,
welche jene Windverteilung zeigen; aber auch diese nur angenähert, denn es ist
unter ihnen kein einziger, bei dem über einem reinen West ein reiner Ost wehte.
) Siehe »Das Wetter« 1916, 84.
2?) W. Brand, Reichweite des Geschützdonners nach Kriegsbeob.; Bericht der naturw. Gesellschaft
in Marburg 14, VI. 1915, S. 34, von Tannenberg bis Tribsow i. Pomm,
3) Zusammenstellungen der größten Reichweiten findet man bei Krebs a. a. 0. 1917, 8. 187, und
bei Brand, Meteorol. Ztschr. 1917, 68.