Bücking: Die Hörbarkeit des Kanonendonners, insbesondere die Fälle mit großer Reichweite. 37
über die akustische Durchlässigkeit der Luft in den verschiedenen Jahreszeiten
liegt!), da in der kalten Jahreszeit die Luft homogener ist und deshalb besser schall-
leitend sein muß. Ein Beispiel dafür, wie Gewitterwolken eine gleichsam schall-
sichere Mauer um einen Ort aufbauen können, geben die Beobachtungen vom
3. Mai 1916, an welchem Tage der K. D. in Frankfurt (230 km von Verdun) und an
der Bergstraße „in außergewöhnlicher Stärke‘ gehört wurde?), in Darmstadt aber
nur geringer oder kein Schall vernehmbar war (Beobachter Dr. Kleinen) — ‘bei
Gewitterstimmung. Denselben Vorzug wie der Winter gegenüber dem Sommer
genießt. die Nacht gegenüber dem Tage in bezug auf die sichere und weite ‚Über-
tragung des Schalls. Die Homogenität der von den Schallstrahlen durchlaufenen
Luft wird bei den nachfolgenden Besprechungen stets vorausgesetzt; daß sie aber für
die Erklärung einer großen Reichweite nicht genügt, können wir aus einfachen
Betrachtungen schließen. Bei winterlichem Hochdruckwetter ist die Atmosphäre
sehr homogen, besonders wenn wir bedeckten Himmel‘ annehmen, wodurch das
Temperaturgefälle nach oben verringert wird. Bei der Häufigkeit dieses Luftzustandes
müßte große Reichweite des Schalls in früheren Zeiten schon so oft beobachtet
worden sein, daß sie für uns keine Überraschung. mehr hätte sein können. Es ist
zwar aus den Polargegenden bekannt, daß die kalte Luft den Schall gut leitet, aber
von großen. Reichweiten des Schalls ist meines Wissens nichts veröffentlicht worden.
Auch in den drei Wintern des Weltkrieges fallen die durch Hörweite ausgezeichneten
Tage nicht in die Zeit des winterlichen Hochdruckwetters.
Wir wollen jetzt die anderen Bedingungen, unter denen eine weite Schallüber-
tragung zustande kommt, erörtern. In erster Linie ist zu erwähnen die Stärke (Inten-
sität) der Schallerregung. .Das Brüllen eines ausbrechenden Vulkans dringt weiter als
der Donner.auch der schwersten Geschütze. Die Reichweite des K. D. im jetzigen Kriege
übertrifft. diejenige früherer Kriege in demselben Maße, als das Gewicht der Pulver-
ladungen und die Kraft des Explosionsknalls größer geworden sind. : Unsere 42 cm-
und die Skodageschütze, die modernen Schiffskanonen und die Wurfminen erzeugen
Knalle, die unter günstigen Bedingungen sehr weit gehört werden müssen. Begünstigend
wirkt ein mit dem Schall. gleichgerichteter Wind. Die Ursache davon ist nicht etwa
eine Geschwindigkeitsvergrößerung — dafür ist der Unterschied zwischen Schall-
und Windgeschwindigkeit zu groß —, sondern die Schallwellen werden durch den
Wind in einem zur Erde konkaven Bogen gebeugt, so daß sie bei wagerechtem Ab-
gang bald den Erdboden erreichen. Für größere Reichweite müssen‘ wir am Aus-
gangspunkt Strahlen mit leichter Neigung nach oben annehmen, etwa wie beim
Schießen auf immer weiter gesteckte Ziele. Die durch günstigen Wind bewirkte
Reichweite des Schalls ist nach meinen Beobachtungen nicht so groß, als man er-
warten sollte. Ich gebe zwei Beispiele hierzu. Am 7. April 1915 muß nach dem
deutschen Bericht das Artilleriefeuer vor Verdun außerordentlich stark gewesen
sein, denn die Franzosen griffen zu gleicher Zeit an der Combreshöhe, bei Ailly und
Apremont, bei Flirey und im Priesterwalde an. In Metz hörte man bei SW den K. D.
den ganzen Tag, am Nachmittage ein fortgesetztes, gegen Abend gewaltig an-
schwellendes Dröhnen. Um so auffallender erscheint es, daß die ostwärts wohnenden
Beobachter nichts von gehörtem «K, D. meldeten, während vom 5., 6. und 8. April
Meldungen bis zum Rhein vorliegen. Ferner sei erwähnt der 29, und 30. Juni 1915,
als bei Verdun fortgesetzt gekämpft wurde. Über den Zustand der oberen Luft-
schichten sind wir für diese Tage durch vielfache Aufstiege (Bo und Ta) gut unter-
richtet; sie zeigen übereinstimmend eine einheitliche Luftströmung aus dem West-
quadranten bis zu 3000 m Höhe hinauf. Die Reichweite des K. D. aber war nur
beschränkt: in Metz wurden bei SW einzelne starke Schläge gehört; von weiter
östlich gelegenen Orten aber liegen keine Meldungen vor. Mein Wohnort St. Ruffin
ist von den nächsten Kampfstätten im Priesterwald und bei Verdun 25 und 50 km
entfernt in der Richtung SW, bzw. W, von den deutschen Batterien etwa 20 bzw.
35 km. Es hat sich nun bei der Bearbeitung einer großen Anzahl von Beispielen,
wie die vorhergehenden aus den Jahren 1915 und 1916, ergeben, daß der K. D. selhbst
}
Diese Frage hat viel von sich -reden gemacht, s. die Aufsätze von Ludewig, Brand, Krebs.
Siehe Frankf. Generalanzeiger 9. V. 1916 und Dr. Brand, Meteorol. Ztschr. 1917, 61.