Immler, W.: Ein Universaldiagramm zur Lösung des Winddreiecks. ; 371
Während in der Nautik bisher rechnerische Methoden überwogen, sind für
den Flieger wegen des Ballastes an Tafeln und Büchern und wegen der relativ langen
dazu erforderlichen Zeit diese Methoden nicht geeignet. Es kommt auf Schnelligkeit
der Lösung der Aufgabe an, und es kann dafür auch manche kleine Ungenauigkeit
mit in den Kauf genommen werden. Dafür müssen aber die Methoden so ausgebaut
werden, daß sie einesteils ohne viel Vorbereitung vorzunehmen sind und anderseits
eine beliebig häufige Wiederholung zulassen, ohne daß dabei der arbeitende Flieger
ermüdet.
Selbst die gewöhnliche zeichnerische Lösung des Winddreiecks aus den
gegebenen Stücken, also eine gewöhnliche Dreieckskonstruktion mit Zirkel und
Lineal, Papier und Bleistift, erscheint noch zu zeitraubend. Auch die Aufstellung
von Zahlentabellen, aus denen mit Hilfe von Eigengeschwindigkeit, Windrichtung
und -geschwindigkeit die am grünen Tisch mit Muße errechneten. Abtriften und
Luvwinkel entnommen werden können, trifft nicht den Geschmack des Fliegers;
lange Rechnungen ermüden ihn bei seiner angestrengten Aufmerksamkeit mehr als
zulässig. Er wünscht eine bildliche Darstellung der Verhältnisse, in der die gegebenen
Verhältnisse sich möglichst automatisch einstellen und die gebrauchten Zahlenwerte
sich bequem ablesen lassen. Vollständig gerecht wird man diesen Anforderungen.
nicht werden können. Auch bei der Marine zeigt sich .das Bestreben, feste gegebene
Methoden durch ein eigenes Instrument zu ersetzen; so treten neben den früheren
Doppeltransporteur jetzt der Kompaßkreis und das Instrument zur Standlinien-
zeichnung in den Gebrauch, wo man früher mit Lineal, Transporteur und Zirkel
eine umständliche Konstruktion durchführen mußte.
Im folgenden sei nun ein Weg beschrieben, bei dem die Hauptaufgaben
des Windfluges einer schnellen Lösung zugeführt werden sollen, und ein Instrument
beschrieben, das in diesem Sinne dem Flieger seine navigatorische Arbeit erleichtern soll.
Vorweg müssen einige Begriffe fixiert werden, die noch nicht einheitlich
in der Flugsteuerkunde gebraucht werden und daher durch Doppeldeutigkeit häufig
Anlaß zur Unklarheit und Verwechslung geben.‘ Im folgenden werden gebraucht:
Steuerkurs als Richtung der Flugzeugachse. Er ist rechtweisend, d.h. der
Winkel zwischen dem geographischen Meridian und der Flugzeugachse. Er ist zu
unterscheiden vom ; ;
. Kompaßkurs. Dieser bedeutet an sich auch die Richtung der Flugzeugachse,
wird aber am Kompaß abgelesen, zählt also vom Kompaßmeridian. Kompaßkurs
verwandelt sich durch Anbringen von Ablenkung und Mißweisung in Steuerkurs.
; Kartenkurs ist die Bewegungsrichtung des Flugzeugschwerpunktes. Er
ist die Gerade, welche in die Karte eingezeichnet werden kann und welche die Orte
verbindet, über die hinweggeflogen wird. Der Kartenkurs ist rechtweisend zu ver-
stehen, er ist gleichbedeutend mit der Richtung des Weges über Grund. Bei Wind-
stille sind Kartenkurs und Steuerkurs identisch.
_ KEigengeschwindigkeit ist die. Geschwindigkeit (stündliche Kilometerzahl),
welche das Flugzeug in Richtung des Steuerkurses zurücklegt. Sie bestimmt sich
aus Motorenstärke und Höhenlage des Flugzeuges. ;
Geschwindigkeit über Grund ist die Geschwindigkeit, welche das Flugzeug
auf dem Wege über dem Grunde, also auf dem Kartenkurse,;, zurücklegt.
Der. Winkel zwischen Steuerkurs und Kartenkurs hat nun je nach der gestellten
Aufgabe zwei verschiedene Namen: Abtrift oder Luvwinkel (Vorhalte-
winkel).
1. Verfolgt das Flugzeug einen bestimmten Kurs an seinem Kompaß, steuert
es also einen bestimmten Steuerkurs, so wird bei Wind der Führer an dem über-
flogenen Gelände bemerken, daß sein Kartenkurs ein anderer ist, sein Flugzeug
abgetrieben wird; er erleidet eine Abtrift. Der Winkel hat für den Führer also
eine mehr passive Bedeutung.
2. Hat dagegen der Flugzeugführer die Aufgabe, sein Flugzeug nach einem
bestimmten Ziele hinzufliegen, so ist ihm der Kartenkurs vorgeschrieben... Er
wird unter Zugrundelegung eines gemeldeten Windes sich vor der Aufgabe sehen,
seinen Steuerkurs so einzurichten, daß er mit seinem. Flugzeug auf der Geraden
zum Ziele bleibt. Sein Steuerkurs wird also um einen bestimmten Winkel gegen