282 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, September/Oktober 1918.
geworden, daß inzwischen längst die große Karte Waldseemüllers vom Jahre 1507
mit der gleichen Inschrift nicht nur entdeckt, sondern von Fr. v; Wieser und
Jos. Fischer in einem monumentalen Werk mit Faksimiledruck der lange vermißten
Karte veröffentlicht worden ist.
Haben wir es also in der sogenannten Längenbestimmung durch Mond-
abstände durch Vespuceci tatsächlich mit einer unverbürgten Legende zu tun, so
läßt sich allgemein behaupten, daß überhaupt das 15. Jahrhundert diese Methode
noch nicht kannte.
Der nächste Versuch, auf dem gleichen Wege zu einer Längenbestimmung
zu kommen, rührt, soweit wir heute wissen, vom Piloten des Magalha&, Andres
de San Martin, her, also volle 20 Jahre nach der vermeintlichen Beobachtung
Vespuccis. Nach dem Bericht Herreras!®), von dem man allerdings annimmt,
daß ihm die Tagebücher San Martins vorgelegen hätten !9), handelt es sich um eine
Beobachtung der Konjunktion des Mondes mit dem Jupiter am 17. Dezember 1519
vor der Bucht von Rio de Janeiro, an der brasilianischen Küste. Aber das Resultat
der ausführlich mit Zahlen belegten Längenberechnung, wonach diese letztere einen
Unterschied der Ortszeiten von 17h 55m gegen Sevilla, also fast 270° L., ergeben haben
soll — gegen 37 bis 38° in Wahrheit —, beweist, daß hier bisher nicht aufgeklärte
Mißverständnisse der Überlieferung vorliegen. Auch dieser Fall spricht gegen die
Wahrscheinlichkeit des dem Vespucci zugeschriebenen Versuchs.
Schlußbetrachtung.
Wir brechen hier ab, da sich unsere Aufgabe für jetzt nur auf die ältere Zeit
der erwachenden Nautik erstrecken konute. Denn nur.für diese Zeit ist die Herbei-
schaffung neuen Materials zu einem gewissen Abschluß gekommen. Fast ausschließlich
hatten wir uns dabei mit den Errungenschaften der Portugiesen zu beschäftigen,
die damit den Spaniern um volle zwei Menschenalter, wenn nicht mehr, voraus waren.
Die früher von uns solange aufrecht erhaltene Anschauung eines maßgebenden
Einflusses der Deutschen auf die erste Entwicklung der wissenschaftlichen Nautik
in Portugal kann fürder nicht aufrecht erhalten werden, wenn auch die völlige
Negation eines solchen ins andere Extrem fallen würde. Es ist das unbestreitbare
Verdienst J. Bensaudes, triftige Beweise für dieses Verhältnis herbeigeschafft
zu haben.
Aber er ist dabei nicht stehen geblieben. Denn indem er die Geschichte
der Nautik auch noch für die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts oder kurz gesagt,
bis zu dem fast plötzlichen Zurücktreten Portugals von der Führung auf diesem
Gebiet in den vierziger Jahren weit eingehender, als es bisher geschehn, verfolgte,
hat er das Übergewicht portugiesischer Leistungen gegenüber solchen von spanischer
Seite in scharfe Beleuchtung gestellt. Wir erfahren, daß die Errungenschaften
eines Joäo de Lisboa (seit 1514), insbesondere seines Livro de Marinharia
(vor 1526), daß Duarte Pachecos Esmeraldo de situ orbis (vor 1521), die An-
weisungen, die Ruy Faleiro (1517 bis 1519) der Expedition Magalha&s mit auf den
Weg gab, vor allem die Arte del navigar seines Bruders, Francisco Faleiro (1535),
obwohl spanisch geschrieben, noch ganz wesentlich auf den Schultern des Regimento
do estrolabio ruhten, daneben freilich auch Neues boten, bis die damalige Nautik durch
Pedro Nunes (seit 1537) und die Roteiros von Joäo de Castro (1538 bis 1541)
einen Abschluß erhält. Die Inquisition und ihre Folgen setzen ein und ertöten das
wissenschaftliche Leben in Portugal. Aber indem Bensaude zugleich jene Werke
zu Encisos Suma de geographia (1519 und 1530), zu Valentin Fernandez
Repertorto dos tempos (seit 1521 oder 1524), zu Pigafettas Anweisungen für die
Navigation und Medinas Arte de nauegar (1545) in Beziehung und Vergleich setzt,
glaubt er das Hauptergebnis dieses zweiten Teils seiner Studien in den Worten zu-
sammenfassen zu können 108):
„La seience nautique espagnole. des ses debuts, d’Eneciso (1519) & Medina (1545)
4) Historia general de los Hechos de los Castellanos en las Islas y Tierra Firme del Mar
(eeano. Madrid 1726. Dec. II, Livro IV, Cap. X. (Vol. II, p. 104.) Erste Ausgabe 1601.
15) Humboldt, Krit. Untersuchungen I, 1836, 251.
106) L’histoire de Ia seience naut. port. 1917, 46.