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Volltext: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 46 (1918)

Wagner, H.;. Die Entwicklung ‘der wissenschaftlichen‘ Nautik “usw; 281 
Marine noch nicht bekannt, stand ihm also nicht zur Verfügung. Im übrigen lassen sich 
so kleine Winkel von 1° und 4!/,° mit dem Jakobstab direkt überhaupt nicht messen. 
Nimmt man eine bloße Schätzung mit dem Auge, etwa nach Monddurchmessern 
(= 1/2°) an, so bleibt der Einwurf Breusings!3) ünbedingt® als ein schwerwiegender 
bestehen; daß -ein-Mann--von -den- nautischen- Kenntnissen Vespuccis dem Monde 
unmöglich eine mittlere Geschwindigkeit von einem ganzen Grad’in einer Stunde 
gegeben haben kann. Man kann hinzufügen, daß die Ephemeriden auf der gleichen 
Seite, welche die fragliche Konjunktion vom 23. August 1499 mitteilt, auch die 
astronomische Länge des Mondes für jeden Mittag gibt, woraus Vespucci mit Leichtig- 
keit hätte ersehen können, daß in. jenen Tagen der Mond tatsächlich noch: nicht 
12° in 24 Stunden; also kaum 30’ in einer Stunde fortrückte. 
Beschränken wir uns auf diese Einwendungen, so sieht man, daß, wenn auch 
das allgemeine Prinzip der Methode richtig zur Anwendung gebracht worden wäre, 
die Durchführung an Widersprüchen so erheblicher Natur leidet, daß sie weit über 
Fehler in der Ungenauigkeit der Beobachtung hinausgeht, an welchen astronomische 
Ortsbestimmungen im damaligen Zeitalter noch so vielfach leiden. ; 
c) Zu diesen sachlichen Bedenken gesellen sich die formellen, welche sich 
schon früher gegen die Echtheit des gesamten Briefes' vom 18. Juli 1500 erhoben 
haben. Es geschah schon 1842 vom Vicomte de Santarem; sie wurden eingehender 
besonders von. F.H. de Varnhagen begründet und von zahlreichen Forschern 
über das Zeitalter der Entdeckungen geteilt und erweitert. ‘Ich erinnere daran, 
daß J. Berchet, dem. die Publikation aller authentischen Dokumente von Zeit- 
genossen der Entdeckung von Amerika. über letztere in dem großen Sammelwerk 
der Raccolta Colombiana oblag, den Brief vom 18. Juli 1500 unter die Briefe Ves- 
püceis nicht mit aufnahm, weil er den Stempel der Unechtheit an sich trage. 
Der Brief ist von Bandini einem Band von Manuskripten entnommen, 
der einst im Besitz des 1514 verstorbenen Pier Vaglianti war und jetzt in der 
Bibliotheca "Riccardiana zu Florenz aufbewahrt‘ wird. ‘ Die Haupteinwände gegen 
seine Echtheit gipfeln im. Datum des Briefes, „Sevilla 18. Juli 1500“; denn’ nach 
den neueren Forschungen steht fest, daß Vespucci erst am 8. September: 1500 von 
seiner zweiten, unter Hojedas Führung unternommenen. Westfahrt‘ heimgekehrt 
ist. Varnhagen versicherte ferner schon 1865, daß das verwendete Papier des Briefes 
florentinischen Ursprungs und weder die Handschrift noch die Signatur unter dem 
Briefe die dem Vespucci eigentümliche sei. ‚Auch sind in dem Briefe Anschauungen 
über den Zusammenhang der neuentdeckten Landstriche mit Asiens Ostküste ent- 
halten, welche den von Vespucei in seinen. unzweifelhaft echten Briefen  nieder- 
gelegten durchaus widersprechen. Hinzugefügt sei meinerseits ein weiteres Be- 
denken. Vespuceci verwendet bei Umrechnung der durchfahrenen 1300-Leghe von 
Calis nach dem Westen und später bei umgekehrter Umrechnung der. Entfernung 
von 82'/,° L. in Leghe das Verhältnis 1° == 16%, Leghe oder 66%, Miglien., Das ist 
wie in $ 29 näher dargelegt ist, im Wirrwarr jener Zeit, wo noch alle möglichen 
Ansichten über die Größe des Erdgrades gang und gäbe waren, bereits als ein ge- 
läuterter Wert anzusehen, der nur noch mit dem. von‘ den Spaniern: bevorzugten 
1° = 17'/, Leguas in Konkurrenz trat.‘ Aber 1503; also drei Jahre später, zeigt 
der echte Brief Vespuccis, daß er bei Berechnung der Entfernung von Calis 
nach Gran Canaria (12° = 258 Leghe) den Erdgrad noch zu 21!/, Leghe oder 86 Mi- 
glien annimmt, d.h. also den auf Eratosthenes zurückzuführenden Wert von 
87'/, Miglien. Eine Rückkehr zu diesem scheint mir ausgeschlossen, wenn Vespucci 
1500 sich bereits dem wahrscheinlicheren Wert angeschlossen haben sollte. 
Es liegt nach allem hier wieder ein Fall für die bedauerliche Tatsache vor, 
daß die eine Disziplin, wie hier.die Astronomie, überlieferte Kenntnisse weiterträgt, 
ohne sich um die Fortschritte zu bekümmern, welche auf dem gleichen Arbeitsfeld 
eine Nachbarwissenschaft — in diesem Fall die Geschichte der Geographie — in- 
zwischen gezeitigt hat. Noch im Jahre 1916 hebt W. Förster bei gleicher Gelegenheit 
hervor, daß die erste Karte, auf welcher sich der Name Amerika finde, die Welt- 
karte Peter Apians vom Jahre 1520.sei. Fs-ist ihm alco nichts davon: hekannt 
103) Die nautischen Instrumente bis zur Erfindung des Spiegelsextanten.: Bremen 1890, 46.
	        
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