276 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, September/Oktober 1918.
Die Entwicklung der wissenschaftlichen Nautik im Beginn des Zeitalters
der Entdeckungen nach neuern Anschauungen.
Von Prof. Dr. Herrmann Wagner in Göttingen,
* (Schluß.
VI. Die ersten Längenbestimmungen zur See.
30. Das Fehlen der Längenbestimmungen zur See vor den Zeiten des Kolumbus,
Es ist verständlich, daß die astronomische Nautik der Portugiesen im früheren
Stadium sich ganz auf die Breitenbestimmungen beschränkte, diejenige der Längen
noch völlig außer acht ließ. Der Weg ihrer Entdeckungen längs der Westküste
Afrikas verlief ja fast meridional, und was an Inseln in der Westsee entdeckt und
aufgesucht ward, lag noch im Bereich der Entfernungsschätzung auf terrestrischem
Wege. Das ward anders für das Problem; den Ostrand Asiens auf dem Westwege
zu erreichen. Als daher Paolo Toscanelli 1474 den König von Portugal aufforderte,
einen dahingehenden Versuch zu wagen, hat er ihm die Entfermung der
fernen Küsten nicht unmittelbar durch die Zahl der Miglien, die zu durchfahren
seien, erläutert, sondern in Wort und Bild durch die der Meridianstreifen, welche
vom Wege zu durchschneiden seien. Es handle sich um 26 Spatien zu je 250 Miglien
in der Breite von Lissabon bis Quinsay im Reiche Cathay. Da jedes Spatium einem
fünfgradigen Meridianstreifen entsprach, so waren hiernach 130° L. zu durchsegeln °®).
Von einem Verfahren, wie man sich solcher Unterschiede geogräphischer Längen
vergewissern könne, ist selbstverständlich dabei noch nicht die Rede. Das Bedürfnis,
die Ergebnisse ihrer Westfahrten nach Schätzung der Weglänge auf astronomischem
Wege nachzuprüfen, tritt erst bei den Praktikern hervor. Mit zweien
derselben ist die Nachricht erster Versuche der Längenbestimmung verknüpft, mit
Kolumbus und Vespucei. Sie gehören noch den ersten drei Lustren nach der
Entdeckung von Amerika an und müssen uns kurz in ihren Voraussetzungen, wie
den noch gewaltig falschen ‚Ergebnissen beschäftigen. In Betracht kommen die
Längenbestimmungen des Kolumbus in den Jahren 1494 und 1504 auf Grund
von Mondfinsternissen und die Legende eines gleichen Versuches Amerigo
Vespuccis vom 23. August 1499 nach der Methode der Mondabstände. Da
es sich dabei um vielumstrittene Fragen handelt, so können sie, ohne den Rahmen
einer Übersicht der Entwicklung zu überschreiten, in beweiskräftiger Breite an
dieser Stelle nicht behandelt werden. Ich muß den Leser für die nachfolgende
Darstellung auf die nähere Begründung verweisen, welche ich in einem vor kurzem
erschienenen längeren Aufsatz über „die Legende der Längenbestimmung Amerigo
Vespucecis nach Mondabständen (23. August 1499)‘ gegeben habe‘). In diesem
werden auch die Längenbestimmungen des Kolumbus eingehend erörtert. Hier ein
kurzer Auszug:
31. Die Längenbestimmungen des Kolumbus nach Mondfinsternissen 1494
und 1504. Nach den handschriftlich hinterlassenen Notizen will Christoph Kolumbus
zweimal den Versuch gemacht haben,. von Westindien aus auf astronomischem
Wege den Abstand vom europäischen Kontinent in geographischer Länge zu finden.
Es ist bemerkenswert, daß die Ergebnisse dieser Versuche von ihm auf einem und
demselben Blatt in dem Libro de las Profecias zusammengestellt sind. Kolumbus
bedient sich der aus dem Altertum schon überkommenen Methode der Zeitvergleichung
zweier Orte im Moment des Eintritts bzw. der einzelnen Phasen einer
Mondfinsternis. Eine solche hat bekanntlich den Vorteil, daß sie auch in kürzerem
Zeitraum weniger Jahre öfter auftritt. Für den Seefahrer, der sich an irgendeiner
Küste, an welcher die Erscheinung sichtbar ist, dieser Methode bedienen will, ist
die Voraussetzung, daß ihm der voraus berechnete Zeitpunkt ihres Eintritts für einen
heimatlichen Vergleichspunkt bekannt ist. Das war zu Kolumbus’ Zeit der Fall,
%) Nachweis im einzelnen in H, Wagner, Die Toscanellikarte v, 1474 ete, Nachr. d. k. Ges
d. Wiss. Göttingen. Phil. hist, Kl. 1894, 222—230.
93) Nachrichten d. k. Ges. d. Wiss, zu Göttingen, Math. naturw. Klasse (sic) 1917, 264—298.