258 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, September/Oktober 1918,
die Zeichnung der Großkreise so viel Arbeit und Zeit kosten, daß das Schiff kein
Interesse mehr an dem gefundenen Orte haben würde, denn das Schiff will in erster
Linie wissen, wo es jetzt steht, nicht wo es vor einer oder mehreren Stunden ge-
standen hat. Man ist daher gezwungen, die vertraute Seekarte zu verlassen und zu
anderen Kartenentwürfen seine Zuflucht zu nehmen.
Notwendigkeit gnomischer und stereographischer Karten großen Maßstabes.
Da die Peilungen Kugelwinkel sind, liegt der Gedanke nahe, sie in eine
stereographische (oder in eine andere winkeltreune) Karte einzutragen, die
wie die Merkatorkarte winkeltreu ist, in der aber die Großkreise, die Schenkel der
Winkel, als Kreise abgebildet werden. In solchen Karten kann man die Großkreise,
weil ihr Krümmungshalbmesser sehr groß ist, auf ziemlich weite Strecken durch
gerade Linien ersetzen. Auch die Loxodrome läßt sich in solche Karten ohne
Schwierigkeit einzeichnen, solange der Karten-Mittelpunkt nicht auf hohen Breiten
liegt und die Karte nur ein beschränktes Gebiet der Erde zur Darstellung bringt,
also großen Maßstab hat. Überschreitet jedoch die Länge der Schenkel des Winkels
eine bestimmte Grenze, so muß die Krümmung des Großkreises berücksichtigt
werden. Man würde bei der Verwendung solcher Karten auf ähnliche Schwierig-
keiten.stoßen, wie sie bei der Seekarte angetroffen wurden; an Bord sind die Mittel
nicht vorhanden, um Kreise mit großen Halbmessern zu zeichnen. Selbst wenn
sie vorhanden sein würden, würde ihre Handhabung, wie die Erfahrung gezeigt
hat, schwierig sein. Am Lande, auf festem Kartentisch, leisten solche Kreiszieher
gute Dienste, sie sind zur Zeichnung der Kartennetze sehr gut zu verwenden; allein
an Bord.ist wegen der beschränkten Raumverhältnisse und wegen der Stampf-
und Schlingerbewegungen des Schiffes ihre Benutzung ausgeschlossen. Zum Ab-
setzen „langer‘‘ Peilungen muß man daher einen anderen Kartenentwurf heran-
ziehen. Zum Zeichnen der Höhengleichen, Kleinkreisen der Kugel, deren sämtliche
Punkte von einem Punkte der Erde den gleichen Abstand haben und die in der
stereographischen Karte als Kreise abgebildet werden, ist diese Karte jedoch geeignet,
da nur kleine Stücke der Höhengleichen zu zeichnen sind, deren Ersatz durch eine
gerade Linie statthaft ist. Man ist dadurch in die Lage gesetzt, mit Hilfe weniger
Hilfstafeln ohne besondere Vorkenntnisse und Übung im logarithmisch-trigono-
metrischen Rechnen die Standlinien des Schiffes abzusetzen. Wie Herr Krauß
nachgewiesen hat, ist es dadurch möglich, auch von Schiffern auf kleiner Fahrt die
Kenntnis der astronomischen Ortsbestimmung zu verlangen, falls solche stereo-
graphischen Karten zum Gebrauch bereitgestellt sind. Da man den Schiffsort auf
1 bis 2 Sm sicher haben muß, sind nur Karten großen Maßstabes verwendbar, in
denen eine Seemeile wenigstens !/, bis 1 mm lang ist.
Zum Absetzen langer Peilungen sind winkeltreue Karten, wo die Groß-
kreise Kurven sind, nicht geeignet. In den gnomischen (gnomonischen) Karten
werden die Großkreise als gerade Linien abgebildet. Diese Karten sind nicht winkel-
treu, die Kugelwinkel werden daher nicht in ihrer wahren Größe abgebildet. In
diesen Karten ist, wie in allen zenitalen Karten, die Winkelzerrung nur vom Abstand
des Winkelscheitels vom Kartenmittelpunkt abhängig; sie ist aber nicht von der
Länge der Winkelschenkel abhängig, da die Großkreise Gerade sind. Die Winkel-
zerrung ist daher leicht zu berechnen; zwischen dem Tangens des verzerrten und
des wahren Winkels besteht eine einfache Beziehung. Sie ließe sich in eine kleine
Tabelle mit doppeltem Kingang bringen und könnte streng berücksichtigt werden,
wenn es einmal erforderlich wäre. Da die Karten zur Ortsbestimmung verwandt
werden sollen, müssen sie in großem Maßstab entworfen sein und fassen infolge-
dessen nur ein beschränktes Gebiet der Erde. Wählt man den Kartenmittelpunkt
so, daß er vom Orte der Peilung nicht zu weit entfernt ist, so wird die Winkel
zerrung keine großen Beträge erreichen. Sei « der abzubildende Kugelwinkel,
&’ das Bild des Winkels und e der Abstand des Winkelscheitels auf der Kugel vom
Kartenmittelpunkt, so ist, wenn der eine Schenkel des Winkels der Strahl vom
Kartenmittelpunkte nach dem Winkelscheitel ist,
tang & =— tang «cOse,