Zander, E.: Zum Plan einer Seefahrthochschule,
Zum Plan einer Seefahrthochschule.
Von Kapitän E. Zander.
Der von Herrn Professor Dr. Timerding in den Annalen der Hydro-
graphie 1917, Heft X, aufgestellte Plan zur Gründung einer Seefahrthochschule
ist seitens vieler nautischen Praktiker mit Freude und Genugtuung begrüßt
worden.
Wie der Verfasser am Anfang seiner Ausführungen richtig sagt, ist der
Gedanke einer Seefahrthochschule nicht neu. Vorwärtsstrebende Praktiker haben
schon vor 20 Jahren mit Bedauern darauf hingewiesen, daß lediglich der See-
mannsstand, soweit seine theoretische Ausbildung in Frage kommt, im Vergleich
mit allen anderen Berufsarten auf das stiefmütterlichste behandelt worden ist.
Leider ist es dabei geblieben, weil ein allgemeines Verständnis für zeit-
gemäße Neuerungen und damit Forderung einer höheren Ausbildungsstätte infolge
der wenig homogenen Vorbildung der Schiffsoffiziere der Handelsmarine bei
diesen nicht geweckt werden konnte. Dazu kam die durch den Seemannsberuf
bedingte lange Abwesenheit und der kurze Aufenthalt im Heimatshafen, sowie
die wenige sonstige Gelegenheit zum Gedankenaustausch, und so ist alles beim
alten geblieben.
Man hat stets mit berechtigtem Stolz darauf hingewiesen, daß die Reeder
aller Herren Länder ihre Schiffe gerade unter deutscher Führung in sicherer
Hut wußten, wie dies ja auch von sonstigen Schiffahrtsinteressenten, be-
sonders von den Assekuradeuren, immer wieder hervorgehoben wurde. Aber
trotzdem würde es Stillstand und Rückschritt bedeuten, wenn die nautischen
Schiffsoffiziere sich hiermit zufrieden geben und die günstige Gelegenheit zur
Weiterentwicklung, wie sie die Timerdingschen Vorschläge andeuten, vorüber-
gehen lassen würden, ohne zu denselben auf das energischste in bejahendem
Sinne Stellung zu nehmen.
Professor Dr. Timerding hat das Thema an sich in erschöpfender und
durchaus sachgemäßer Weise behandelt, wie es von einem so ernsten Fach-
wissenschaftler, der gleichzeitig die praktische Seefahrt von seinen Reisen mit
dem Schulschiffe des Norddeutschen Lloyd »Herzogin Sophie Charlotte« her
kennt und auch während seiner früheren Tätigkeit als Lehrer an der Olden-
burgischen Seefahrtschule viel Gelegenheit hatte, die angehenden Schiffsführer
und ihre Ansichten kennen zu lernen, nicht anders zu erwarten war.
Die von ihm aufgestellten Forderungen nach gründlicher Ausbildung in
den Fachwissenschaften, die mit der Entwicklung der Weltwirtschaft und der
Seefahrt vom einfachen Segelschiff bis zum modernen Ozeandampfer zur Berufs-
wissenschaft des Schiffsführers geworden sind, können wir in ihrer Gesamtheit
unterstreichen; sie sind durchaus zeitgemäß und zu einer unbedingten Not-
wendigkeit geworden, wenn wir auch in Zukunft an führender Stelle marschieren
wollen und für uns praktische Seeleute der oberste Grundsatz bestehen bleiben
soll, daß die absolute Sicherheit des uns anvertrauten Schiffes und seiner Ladung
allen anderen Bedenken voranzusetzen ist.
Wenn wir von der Sicherheit des Schiffes sprechen, so kommt uns dabei
von selbst der Gedanke an eine straffe Disziplin und die nur dadurch ermög-
lichte Organisation, die an Bord eines gewaltigen Ozeanriesens mit seiner nach
Tausenden zählenden Besatzung und Passagieren die Fäden des ganzen ver-
zweigten Betriebes auf der Kommandobrücke zusammenlaufen läßt.
Ohne eine bis ins kleinste ausgearbeitete Organisation ist die Sicherheit
des Schiffes immer gefährdet, Aber die Organisation bzw. die Dienstvorschrift
allein tuen es nicht, es müssen zu ihrer Durchführung auch Offiziere vorhanden
sein, die jeden Zweig des Dienstbetriebes gründlich kennen, weil sie nur dann
in den Augen der Mannschaft wirklich Autorität genießen. Ob dieses jetzt der
Fall ist, lasse ich dahingestellt sein,
Die Zeiten des Segelschiffes mit seiner kleinen, lediglich aus Seeleuten
bestehenden Besatzung sind vorbei; wenn damals der Kapitän jeden Mann seines
kleinen Betriebes gründlich kannte und durch seine Persönlichkeit beeinflußte,