230 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juli/August 1918.
und daneben den Portulan von Pietro di Versi (1445)®). Breusing weist die
Tafeln als die Toleta de marteloio, das Vorbild unserer heutigen Strichtafel, nach.
Für unseren Zweck genügt es, daran zu erinnern, daß diese Toleta nicht aus einer,
sondern aus zwei Tafeln besteht. Eben dies scheint Herrn Bensaude entgangen
zu sein. Für die der Nautik fernerstehenden Leser möchte ich die Sachlage etwas
ausführlicher und anschaulicher als Breusing darlegen. Die eine der Tafeln kommt
für einen von dem Hauptziel der Fahrt abbiegenden Kurs in Betracht, die andere
für einen solchen, der sich dem ersten wieder nähert. Zum Verständnis ist wichtig,
sich daran zu erinnern, daß die Abszissenachse für die Bestimmung des Kurses
in damaliger Zeit noch nicht die Nordsüdlinie bzw. die Ostwestlinie des Horizonts
bildete, sondern der jedesmalige direkte Kurs, der geradlinig zum Ziel führt.
l. Die Aufgabe der ersten Marteloio-Tafel ist nichts anderes als eine Zer-
legung einer Strecke in ihre beiden Komponenten. (Fig. 4.) Ist A X der direkte Kurs,
und hat ein Schiff mit einem Kurswinkel von @° eine Strecke von c Meilen durch-
fahren, so gibt a = c-sin a die Zahl von Meilen an, um welche es sich, in B ein-
treffend, vom direkten Kurs entfernt hat; daher werden diese Werte nach der Marte-
loio-Regel mit alargare bezeichnet. Dagegen zeigt b = c.cos @ die Zahl von Meilen
Fig. 4 an, um welche man sich dem Endziel X unmittelbar
Se genähert hat, also auf dem Wege wirklich vorwärts ge-
kommen ist. Daher b = avancare (avanzare) heißt. Es
ist klar, daß man diese Bestimmung mit Leichtigkeit
für eine beliebige Strecke auf geometrischem Wege
machen kann, wenn man die Hypotenuse des sogenannten
Kursdreiecks nach irgendeinem Maßstab gleich der gut-
gemachten Strecke c macht. Er kann aber auf rech-
nerischem Wege ebenso gefunden werden. Dies sollte
dem Schiffer durch die erste Tafel der Toleta erleichtert werden. Sie konnte sich für
die damalige Zeit auf die 7 (8) Kompaßstriche des Quadranten beschränken. Als
Konstante galt für kleinere Strecken c = 10, für größere ce = 100 Meilen
(Miglien, Mia).
2. Die zweite Tafel will zeigen, wieviel Meilen man bei bestimmtem Kurs
durchfahren muß, um eine in gewisser Entfernung verlaufende Linie (wieder) zu
erreichen. In diesem Falle ist also der direkte Abstand des Schiffsorts von jener
Fig. 5. Linie (a’) die Konstante und zugleich die Ab-
© szissenachse, nach welcher sich der Kurswinkel «'
bestimmt, Da es sich im Laufe der Zickzackfahrt
eines den Wind ausnutzenden Schiffskurses (in
diesem Falle um eine Wiederannäherung an den
direkten, nach X führenden Kurs) handelt, erhielt
die gutgemachte Strecke c’ den Namen ritorno, wo-
gegen b’, d. h. die Zahl von Meilen, um welche man
sich während dieser neuen Fahrt dem wahren
Ziele X genähert hatte, die Bezeichnung „avanzo
di ritorno‘‘ erhält. Aus Figur 5 ist ersichtlich, daß
6’ = a'.sec a’ und b’= a’.tang «’
ist. Das eigentliche „Koppeln der Kurse‘ oder
die Suma de marteloio brauchen wir nicht weiter zu verfolgen. Sie ist ja nichts
weiter als eine Summation der Einzelglieder b +b’-+b' ‚... In Tafel 12 geben
wir an Stelle der abgerundeten Werte der alten Toleta die genauer berechneten,
und zwar in Tafel B absichtlich mit 2 Dezimalen.
Aru_
%) Versis Portulan ist abgedruckt in K. Kretschmer: Die italienischen Portulane des Mittel-
alters, Berlin 1909, 246 ff, Der Abschnitt über die Raxion del marteloio fehlt dort allerdings; er
findet sich in Racc. Colomb., Part IV, Vol. I (A. d’Albertis).