Wagner, H.: Die Entwicklung der wissenschaftlichen Nautik usw.
Breiheutefetn des Regimiende
also jetzt auf sich beruhen. - Eine Prüfung auf ihre Richtigkeit gestattet auch die
im übrigen verständige Angabe des Mestre Joäo, des Piloten Cabrals, nicht über
die von ihm i. J. 1500 an der Küste von Brasilien erreichte Breite. „Am Montag,
den 27. April“, heißt es in seinem Brief an König Manuel”®), „stiegen wir ans Land,
ich, der Pilot des Generalkapitäns und der Pilot Sancho de Tovar. Wir haben die
Höhe der Sonne um Mittag zu 56° gefunden, und der Schatten war nordwärts‘‘.
„Segund las reglas del estrolabio““ schlossen wir, daß wir 17° vom Äquator entfernt
seien, und zwar 17° gegen den antarktischen Pol zu,‘ Es ist klar, daß, worauf schon
Bensaude (p. 127) aufmerksam macht, ein lapsus calami von seiten Joäos vorliegt,
da eine positive Deklination (28. April) in jenen Breiten einen Schatten südwärts
erfordert. Im übrigen ist, weil die Deklination nach der damaligen Tabula decli-
nationis am 28. April rund 17° betrug, die Breitenbestimmung = 90° — (56°.+ 17°)
= 17° S-Br. richtig. Aber dadurch, daß wir nachträglich schließen, Cabral müsse
sich bei Porto Seguro befunden haben, können wir keinerlei Schluß darauf ziehen,
öb die Beobachtung von 56° für die Sonnenhöhe richtig war. Die Prüfung über den
Grad der Genauigkeit älterer Breitenbestimmungen hat man bisher fast allein an
der Hand der zeitgenössischen Welt: und Küstenkarten vornehmen müssen, ‘da
ausgeführte Breitentabellen nicht vorlagen. Von diesem Standpunkt erhalten die
in beiden Ausgaben des Regimento do estrolabio niedergelegten Tafeln geographischer
Breitenlagen ganz besonderes Interesse. Die Münchener Ausgabe enthält eine solche
in weit kürzerer Form mit nur 60 Positionen gegen 190 in dem Evora-Exemplar.
Was die erstere betrifft, so liefert die Tafel in ihrer Beschränkung den Beweis, daß
wir sie — und damit den Druck des Werkes — an das Ende des ersten Jahrzehnts,
vielleicht in das zweite des 16. Jahrhunderts zu verlegen haben. Sie geht mit ihren
westafrikanischen Breitenlagen räumlich nicht über den Äquator hinaus, obwohl
dieser von den Portugiesen doch schon im Jahre 1471 überschritten und 1487 das
Kap der guten Hoffnung erreicht war. Als südlichster Punkt wird die Insel St. Thome
genannt. Mit dieser beginnend folgen weitere 60 bis hinauf zum Kap Finisterra
an der Westküste Galiciens (43° Br.). Viel weiter greift die Breitentafel der Evora-
Ausgabe aus. Ihre 190 Angaben beziehen sich nicht nur-auf die West- und Ost-
küste Afrikas, sondern auch auf Südasien bis zu den Molukken.‘ Gewiß mit Recht
sieht Bensaude (a. a. O. S. 171) die Beschränkung in der älteren Ausgabe als eine
Folge des Dekrets König Manuels vom 13. November 1504 an, wonach es verboten
ward, auf nautischen Karten Andeutungen über. die Schiffahrt jenseits ‘der Inseln
St. Thome und Prineipe zu machen. Wenn die Evora-Ausgabe dagegen alle Breiten
auf dem Wege um Afrika bis nach Ostindien anführt, so wird man annehmen
müssen, daß zur Zeit der neuen Fassung jenes Verbot bereits aufgehoben war.
Ich möchte dem Umstande, daß in den zahlreichen Beispielen des Münchener
Regimento zur Berechnung der Breite aus beobachteter Sonnenhöhe, von denen
oben (S. 219) die Rede war, die Breite Lissabons bereits zu
381° '
angenommen worden ist (und ebenso in der Bestimmung der Polhöhe aus der Be-
obachtung des Polarsterns), einen weiteren Beweis dafür entnehmen, daß diese
Teile des Textes nicht aus viel früherer Zeit als aus dem Ende des ersten Jahr-
zehnts des 16. Jahrhunderts stammen können. Schon 1894 habe ich®) ‚auf die
im Zeitalter der Entdeckungen Schritt für Schritt erfolgende Herabrückung der
Lage Lissabons in niederere Breite hingewiesen, welche für die Datierung mancher
Fahrten und Ereignisse jener Zeit nicht ohne Bedeutung ist. Die Tabulae civitatum
des späteren Mittelalters pflegten bei der unsicheren Kenntnis ihrer Lage eine Breiten-
angabe in ganzen Zahlen der Grade beizufügen. Wenn z.B. im 15. Jahrhundert
für Lissabon die Breite von 41° angenommen wird, so ist damit. ein ziemlich weiter
Spielraum gegeben. Denn der 41. Breitengrad reicht vom 40. Parallelkreis bis. zum
41. Bei Eintragung in Karten mußte man sich freilich für:eine festere Lage nach
Teilen des Grades entscheiden. Ptolemaeus. (Geogr. 11,5) gab daher Olisipo
die bestimmte Breite von ‘‘ 40°15.
°) Bensaude, L’astr. naut.:253; © , KR .
&%) H.: Wagner, Die Toscanellikarte v. 1474 usw. Nachr. d. k, Ges.’d. Wiss, Göttingen, Hist.-
phil. Kl. 1894, S. 248—251: Die Breitenlage von Lissabon,
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