Wagner, H.: Die Entwicklung der wissenschaftlichen Nautik usw. 225
Während Siegm. Günther sich ernstlich bemühte, diese neuen Errungenschaften
über die ältere Herkunft des wichtigen Instrumentes bekannt zu machen, hielt er
doch noch 1890 daran fest??), daß die „portugiesische Bearbeitung des Sacrobosco
die Wahrscheinlichkeit dafür bestärke, daß in der Tat Martin Behaim die Seeleute
Portugals in der Handhabung des Jakobstabes unterrichtet habe, mit welcher ihn
früher Regiomontan bekanntgemacht habe, der selbst wieder sein Wissen aus Levi
ben Gerson schöpfte.‘“
Zu Anfang der neunziger Jahre tritt der Umschwung ein, den Breusing (71892)
allerdings nicht mehr erlebte. Es mehrten sich die Stimmen, welche auf den Umstand
hinwiesen, daß der Jakobstab in keiner der nautischen Schriften des 15. Jahrhunderts
erwähnt sei. Das hob besonders Gelcich 1892 deutlich hervor, und alle späteren
Forscher, bis in neuester Zeit Bensaude, haben diese Tatsache bestätigt. Es kommt
dabei hauptsächlich die Fahrt Vasco da Gamas in Betracht, über deren Vorbereitung
und Ausrüstung mehrfache Berichte vorliezen. Dort wird stets nur von Astrolabium
und Quadrant gesprochen, der Jakobstab nicht erwähnt. So konnte Günther
1900 seinen Satz von 1890 fast auf den Kopf stellen und schrieb nun ”’®): „Lange Zeit
glaubte man allgemein, die Portugiesen hätten von Behaim den Jakobstab (Baculus
astronomicus) kennen gelernt, der nachmals in der Geschichte der Entdeckungen
eine so große Rolle spielt. Allein dagegen spricht, daß nirgendwo auch nur die leiseste
Andeutung von einer so einschneidenden Verbesserung der Beobachtungskunst
zu finden ist, wie denn noch Jahrzehnte vergehen, ehe nautische Lehrbücher des
Jakobstabes Erwähnung tun.‘ Wir erinnern daran, daß uns seitdem die Ausgaben
des Regimento do estrolabio erst bekannt geworden sind, in denen gleichfalls nicht
mit einem Wort vom Jakobstab die Rede ist. Das gleiche gilt von der Suma de geo-
graphia Encisos 1519 und der Arte del marear von Francisco Faleiro 1535.
Dagegen nennt Pedro Nunes bereits in seiner Erstlingsschrift, dem Tratado
em defensam da carta de marear (1537)’*) die balhestilhas neben den übrigen
nautischen Instrumenten. Und in der Schrift De arte atque ratione navigandı lbri duo?5),
welche 1546 erschienen sein soll, wird. vom Jakobstab in einer Form gesprochen, die
beweist, daß er damals schon allgemeiner im Gebrauch war. Nunes redet im Kap. 6:
De Instrumentis quibus astrorum altitudines et distantiae capiuntur‘ zuerst vom
Astrolabium (Utuntur nautae pendulis Astrolabijs quia non possunt in mari
quietum stabilemüe habere horizontem) und vom Quadranten (Vulgatum instru-
mentum quadrantis quo nautae utuntur aptissiımum est ad altitudines Solis et ali-
quorum astrorum capiendas).‘“ Dann heißt es weiter: „Astronomico radio utuntur
nautae ad. cognoscendum quanta sit altitudo stellae polaris supra horizontem. Sed
difficile admodum est certam altitudinem ita inuenire. Aptissimum tamen instru-
mentum est ipse radius ad inueniendum distanciam inter duo astra, quarum inter-
capedo quadrante maximi circuli minor fuerit.““
Scheint somit festzustehen, daß der Jakobstab sich in der Nautik der Portu-
giesen und Spanier erst im 3. oder 4. Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts wirklich ein-
bürgerte, so ist man über die Zeit der ersten Einführung noch immer nicht im klaren.
Die eine Hypothese, die A. Schück”‘) 1896 wiederum vertritt, ist älteren
Ursprungs. 7?) Er weist auf Zacuto hin. Nach Correa habe er Vasco da Gama und
seine Schiffsführer im Gebrauch des Astrolabiums unterrichtet. Im Indischen
Meere’ habe ihm der maurische Lotse ein Instrument zur Bestimmung der Gestirns-
12) Bibl. math, ed. Eneström 1890, 80.
78) Das Zeitalter der Entdeckungen (Aus Natur und Geisteswelt 26, Leipzig 1901, 35).
74) Tratado de Esphera, Faksimile-Ausgabe, München 1915, 126. .
15) P. Nonii Salacicensis Opera, Bastleae 1566, 70—74. Tn den meisten Schriften, welche die
Arbeit „De arte navigandi“ von Pedro Nunes erwähnen oder ausziehen, wird dieselbe auf das Jahr 1546
datiert, Aber es ist den gründlichen Forschungen von R. Guimaräes bis heute noch nicht gelungen,
irgendein Exemplar der Schrift aus diesem Jahre wieder aufzufinden. während ihr Druck vom Jahre 1573
verbreiteter ist und wohl allein von neuen Schriftstellern benutzt ist. Ich verweise in diesem Punkt
auf meine Darlegungen in meiner Studie über G. Mercator und die ersten Loxodromen auf Karten,
Am, d. Hydr. usw. 1915, Bd. 43, S. 309.
76) Der Jakobstab 1896, 130 ff.
. 7) Vgl. O. Peschel, Gesch. d. Erdkunde 1865, 350. Seine Bemerkung „Da unseres Wissens
der indische Ursprung des Kreuzstabes hier zum ersten Male nachgewiesen wird“ hat S. Ruge in der
2, Aufl. 1877, 389, mit Recht gestrichen,