Wagner, H.: Die Entwicklung der wisserischaftlichen Nautik‘ usw. * 117
Rechnung. Grundsätzlich brachten die Ephemeriden des Regiomontan eine solche,
und von diesem Standpunkt ist der Gedanke nicht abzuweisen, daß ihre Einführung
in die Kreise der portugiesischen Nautiker, von wem sie immer herrühren möge,
von letzteren als eine willkommene Gabe, als ein Fortschritt hätte angesehen werden
können.
12. E, Geleichs Überschätzung der Wichtigkeit der Ephemeriden Regiomontans
für die portugiesische Nautik, Während. nun die deutschen Forscher, welche {rüher
dem Martin Behaim das Verdienst zuerkannten, eben diese Ephemeriden in Portugal
zuerst bekannt gemacht zu haben, dabei nur allgemeine Vermutungen ausgesprochen
hatten, sah Eugen Gelcich 1892 seine Aufgabe darin, eingehend die damiß für
die Nautik verbundenen Vorteile nachzuweisen. Im Hochgefühl, auf diese. Weise,
wie er selbst sagt, die Behaimfrage gelöst zu haben, nahm er den Mund sehr voll
und schoß als literarischer Durchgänger ersten Ranges auch in unserer Frage weit
über das Ziel hinaus. Der gesamte Aufsatz von 1892, der hier in Betracht kommt,
„Die Instrumente und wissenschaftlichen Hilfsmittel der Nautik zur Zeit der großen
Länderentdeckung‘“!®) enthält eine ungewöhnliche Fülle gewagter Behauptungen
und schiefer Auftassungen. Leider sind diese von uns niemals klar aufgedeckt, wodurch
man vielleicht ihre üblen Folgen hätte abwehren können, welche sich allgemeiner
erst bemerkbar machten, seit die portugiesische Kritik eingesetzt hat. Ich gestehe,
mich von der Schuld, nicht rechtzeitig gegen. den bewußten Aufsatz aufgetreten
zu sein, nicht ganz freisprechen, zu können. Als aber der verstorbene General-
sekretär der Hamburger Geographischen Gesellschaft, Dr. Ludwig Friederichsen,
der die Hamburger Festschrift von 1892 wesentlich ins Leben gerufen hat, mir einige
Jahre nach ihrem Erscheinen mit Bitterkeit klagte, daß es ihm trotz aller Be-
mühung nicht gelungen sei, eine fachmännische Besprechung des Werkes hervorzu-
rufen, konnte ich ihm nur erwidern, daß ich dies an sich sehr gern übernommen
hätte, wenn ich nicht auf Schritt und Tritt gegen so viele sachlichen Verstöße und
unrichtige Schlußfolgerungen, besonders Gelcichs, hätte Stellung nehmen müssen,
daß ihm mit solcher Rezension wahrscheinlich wenig gedient gewesen sel,
Wer das Bensaudesche Buch zur Hand nimmt, kann sich leicht überzeugen,
daß die Gelcichsehen Ausführungen am meisten dazu beigetragen haben, wenn ich
so sagen darf, seinen nationalen. Stolz zu verletzen. Leider ist dies die Veranlassung
geworden, nun. seinerseits ebenso ins Extrem zu verfallen, und den Tafelwerken
Regiomontans nicht nur für.die portugiesische .Nautik jener Zeit jede Bedeutung
abzusprechen, sondern überhaupt ihn als reinen Astrologen gegenüber den zeit-
genössischen aufgeklärten Forschern seiner Heimat herabzusetzen. Das geschieht
besonders in ‘seiner „Histoire de Ja science nautique portugaise‘“ von 1917 (86ff.).
Es ist hier nicht der Ort, diese ungerechtfertigten Angriffe zurückzuweisen,
Der Hauptgrund in: der. Überschätzung der Regiomontanschen Tafelwerke
für die sich im Süden Europas entwickelnde Nautik, die man Gelcich vorzuwerfen
hat, liegt nun unzweifelhaft in seiner völligen Unkenntnis der den Portugiesen
tatsächlich in dem letzten Drittel des 15. Jahrhunderts zur Verfügung stehenden
theoretischen Hilfsmittel. Ihm sind nur die Alfonsinischen Tafeln bekannt in der
Fassung der lateinischen Übersetzungen jener Zeit, und er bemüht sich, uns in die
allerdings ungemein umständliche Art der Ausnutzung dieser Tafeln, um für einen
bestimmten Tag des Jahres die Länge der Sonne zu berechnen, einzuführen, Die
Schwierigkeiten beruhen bekanntlich auf der durchgeführten Sexagesimaleinteilung
des Tages in Sechzigstel 1. bis 5. Ordnung, die — was zugegeben werden muß —
einem Piloten jener Zeit die Berechnung der Korrektion für die Tageslänge der Sonne
verleidet haben müßte.‘ Daher der Ausruf Gelcichs: „Die portugiesischen Schiffs-
führer müssen Behaim ja ordentlich leidgetan haben, die sich so viel plagen mußten,
um zuerst die Länge der Sonne und dann aus derselben. die Deklination zu
berechnen. Er wird ihnen zugerufen haben: Zu was den ganzen Kram, zu was so
viel Kopfzerbrechen, wenn euch der Königsberger Astronom die Länge der Sonne
ohne weiteres liefert‘ usw. (a. a: O0. 8. 77).
A:
19) Hamburgische Festschrift zur "Erinnerung an die Entdeckung Amerikas. Hamb. 1892.
Bd. I. 2. Abhandlung.