Wagner, H.: Die Entwicklung der wissenschaftlichen Nautik usw. 411
(carte nautiche medioaevoli) in nichts von den späteren Seekarten des Ent-
deckungs-Zeitalters (nach 1500) unterscheiden, als daß den ersteren
noch die Beigabe einer Breitenskala fehlt (was aber auch noch von manchen
Karten des 16. Jahrhunderts gilt). Daher sind alle diese gleichmäßig mit Wind-
rosen und Rumblinien bedeckten Karten als rechteckige Zylinderprojektionen auf-
zufassen. Von einer neuen Gattung von Seekarten, die durch die Portugiesen ein-
geführt sein soll, kann also absolut nicht die Rede sein. ;
Kaum würde es erforderlich sein, auf diese vor zwanzig Jahren lebhaft
erörterten Fragen nochmals zurückzukommen, wenn nicht die gleichen unbewiesenen
und in sich unwahrscheinlichen Hypothesen immer wieder auftauchten. So sicht
der portugiesische Ingenieuroffizier und. Mathematiker Rodolphe Guimaräes!!)
noch im Jahre 1909 in Heinrich dem Seefahrer im Grunde den „Erfinder der Platt-
karten‘... Er nennt den Jacome de Malhorca einen der renommiertesten mallor-
kanischen ‚Kartographen‘“ und versteigt sich zu der durch nichts bewiesenen
Behauptung: „que les principes, d’apres lesquelles Jacome etablissait les cartes
yeographiques, conservaient la convergence des meridiens vers le pole (!),
ce qui est conforme A la r6alite.‘“ Guimaräes ist der Ansicht, daß diese Eigenschaft
es zuwege gebracht habe, daß die Rumblinien (die Loxodromen) auf den Seekarten
krummlinig erschienen, wodurch. sie für die Schiffahrt ungeeignet gewesen seien.
„Frappe de cet inconvenient linfant imagina, une methode de correction
consistant A dresser des cartes ol il supposait les degres des.paralleles 6gaux & ceux
de l’equateur‘. Doch hören wir weiter: ‚Bien que la vraie grandeur et la situation
relative des terres fussent modifiges, les lignes de rumb devenaient alors des lignes
droites (sic!) et de cette facon elles etaient plus aptes au but desire. Il est certain que
ces cartes, dites planes, sont dans certains cas soumises & de graves inconvenients,
mais ne font pas par ce fait moins honneur & Jeur inventeur et renferment le genre
de Yinvention des cartes reduites de Mercator et.de Ed. Wright.‘ (!)
Nach einem längeren Auszug aus dem Tratado em defensam da carta.de marear
des Pedro Nunes heißt es endlich: „Les portugais taisaient de cartes planes lors
des premieres.decouvertes maritimes et cette invention, alors nouvelle,
6tait toute portugaise‘“, Dabei schränkt Guimaräes den Anteil des Prinzen
Heinrich an der Erfindung nunmehr etwas ein „Il n’en ressort pas que l’invention
en question soit due & Don Henrique; en tout cas en tenant compte de V°etat des
connaissances geographiques au XV®* siecle et de la maniere, dont les inventions
derivent les unes des autres, il est bien probable que l’infant .y a eu sa part“.
Daß hier ein totales Mißverständnis hinsichtlich des Wesens der Plattkarte
vorliegt, ist klar, Danach soll diese bereits die Eigenschaft gehabt haben, die Pedro
Nunes ein Jahrhundert nach Prinz Heinrich an ihnen gerade vermißt und die erst
Mercator zur Erfindung seiner winkeltreuen Zylinderprojektion‘ oder der Karten
mit‘ wachsenden Breiten geführt hatte, nämlich die Eigenschaft, die Loxodromen
in gerade Linien zu verwandeln. Es ist ja geradezu bei Nunes der Ausgangspunkt
seiner Polemik gegen die Plattkarte, daß auf letzterer die alle Meridiane unter gleichem
Winkel 'schneidenden, sogenannten Rumblinien als krumme. Linien erscheinen
und daher diese Plattkarten für den Seefahrer irreführend sind, wenn er die Rüumb-
linien auf ihnen wie von Anfang an geradlinig auszieht. Dieser Punkt bedarf also
kaum weiterer Widerlegung. Aber ich frage Herrn Guimaräes, ob er irgendeine
mit polwärts konvergierenden Meridianen versehene Seekarte aus der Zeit vor
den portugiesischen Entdeckungen nachweisen kann. Das dürfte ihm schwer fallen.
Denn es liegt ja im Prinzip naüutischer Orientierung auf den mittelalterlichen :See-
karten der Italiener, überall. in den senkrecht’ sich durchschneidenden Richtungs-
linien der Windrosen die Nord-— Süd- und Ost — West-Richtung zu sehen, auch wenn
diese Linien keinen benannten Breitenparallelen oder Meridianen entsprechen. Ich
wiederhole,. daß man ‚diese: sogenannten Kompaßkarten ebensogut Plattkarten
benennen könnte, wie die später als solche bezeichneten, weil die Projektionsfläche
bei beiden der Mantel eines‘ normalen, sei es den Äquator berührenden oder die
'uy Rod. Guimaräes, Les mäth6matiques‘ en Portugal, 2e 6d./ Coimbre 1909, p: 9-—10.