Wagner, H.: Die Entwicklung der wissenschaftlichen Nautik usw. 107
machte (a. a. 0. p. 9) und denen ich aus jüngster Zeit den Mathematiker Rodolphe
Guimaräes (1909)% hinzufügen will.
Gegen die Behauptung solcher von auswärts ausgehender Bevormundung
der portugiesischen Nautik in den Glanzzeiten ihrer Entwicklung hat man sich
nun in neuester Zeit in Portugal erhoben. Die von J. Bensaude seit bald einem
Jahrzehnt betriebenen Studien sind nur ein Glied in der Kette dieser Bestrebungen.
Eine Reihe. seiner Landsleute arbeitet in stillerer Weise mit, vor allem P. Pereira
da Silva. Die Akademie zu Lissabon hat die Regierung der Republik zur Bereit-
stellung reicher Mittel zu bewegen gewußt, um die äußerst selten gewordenen, jetzt
in den Vordergrund des Interesses tretenden Werke, die aus zeitgenössischer portu-
giesischer Hand auf dem Gebiete der wissenschäftlichen Nautik hervorgingen,
eines Zacuto, Francisco Faleiro, Pedro Nunes, Valentim Fernandez
mit Einschluß des oben genannten Regimento do estrolabio in prächtigen
Faksimile-Ausgaben herstellen zu lassen. Schon liegt die Mehrzahl der für unsere
Frage unentbehrlichen Druckwerke vor, und die Wissenschaft hat alle‘ Ursache,
diese großzügige Inangriffnahme der Studien zu begrüßen. Sie bezweckt, die lange
verkannten . Verdienste der Portugiesen ‚auf wissenschaftlich nautischem Felde
— denn wer hätte je solche auf entdeckungsgeschichtlichem oder weltwirtschaft-
lichem Gebiete während des Beginns der Neuzeit verkennen können oder wollen? —
ins.richtige Licht zu rücken.
3. J. Bensaudes Schrift von 1917. J. Bensaude hat nun seinem. Erstlings-
werke kürzlich eine zweite Schrift unter dem Titel: „Histoire de la science nautique
portugaise‘ (Geneve, 1917, A, Kundig) folgen lassen. Den Kennern der ersteren bringt
sie eine gewisse Enttäuschung. Nicht nur, weil sie sich wiederum als „‚Resum6e“
ankündigt, was im. Grunde, auch von der „Astronomie nautique au Portugal‘ von
1912 gelten muß. Wir werden von neuem auf zwei in Vorbereitung begriffene
Werke, nämlich „„Xtudes pour Ühistoire de la science nautique portugaise (als II. Teil
der Astronomie nautique au Portugal) und „Histoire de la science nautique portu-
gaise‘‘ verwiesen, Da letzteres Werk, wie es scheint, erst eine zusammenhängende
Geschichte der portugiesischen Nautik bringen soll, so sieht man auf den ersten Blick
den Zweck der im Winter 1916-17 erschienenen Schrift nicht ein. Denn nachdem
die Grundgedanken über die Selbständigkeit der Entwicklung nicht nur der nau-
tischen Astronomie, sondern der Nautik im weiteren Sinne in Portugal in dem
Hauptwerk ausschließlich auf älteren, allerdings zum Teil vergessenen oder ver-
schollenen Druckwerken aufgebaut war, erwartete man nunmehr, wenigstens dem
Anfang einer Ausnutzung handschriftlichen Materials zu begegnen, dessen Reich-
tum in Archiven und Bibliotheken der Iberischen Halbinsel zu preisen, Bensaude
nicht müde wird. Statt dessen umfaßt derjenige Abschnitt, welcher dem Titel des
Werkes einigermaßen entspricht: ‚,Reconstruction de la science nautique. portugaise‘‘
kaum den vierten Teil desselben und beschränkt sich teils auf knappe Wiederholung
früherer Ausführungen, ohne neue Quellen zu erschließen, teils wiederum auf
programmatische Aufstellungen dessen, was noch zu geschehen habe. ;
Die Haupttendenz der neuen Schrift dürfte in erneuter Zurückweisung jeg-
licher Ansprüche von seiten anderer Nationen bestehen, soweit diese auf irgend-
welche Mitwirkung bei. der Entfaltung der portugiesischen Nautik ausgehen. Ja,
der bislang ruhig abwägende Verfasser geht mehr oder weniger zum Angriff über,
und die Art und Weise, wie er vor allem die „Pretentions de priorite de l’Allemagne‘“
bekämpft, läßt, je mehr man sich in die Schrift vertieft, erkennen, daß sie unter
dem Einfluß der Kriegspsychose konzipiert ist, wozu die Polemik im feindlichen
Ausland gegen die bisherigen Auffassungen von deutscher Seite beigetragen haben
mag. So kommt es, daß der Verfasser im Bewußtsein, die Beeinflussung des Wissens
3) R. Guimaräes sagt (Les Mathömatiques en . Portugal. 26 &d. Coimbre 1909): „La
Junta dos mathematicos aboutit ä la construction de tables de la deeclinaison du Soleil, reproduites
des €phemerides de Regiomontanus“ (a. a. O0, p. 12).. „JoXo II chargea Martin de,Behaim et les Juifs
Jos6 et Rodrigo d’&tudier les moyens d’&manciper la navigation.“ „Les compatriotes de Behaim Iui
attribuent Fapplication de la boussole & l’usage de la navigation et Vintroduction en Portugal du
»‚Baculus astronomicus« ou »Baton de Jacob«, ce qui suffirait pour rendre son nom immortel et faire
uan.grand honneur a Allemagne, sa patrie.“