106 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, März/April 1918.
Studium der Geschichte der Nautik herantraten, stark gelichtet. Ich erinnere an
ihren erfolgreichen Förderer Arthur Breusing (} 1892) und den noch weit lebhafter
in die Debatten eingreifenden Eugen Gelcich (+ 1915), den gewiegten Kenner
Matteo Fiorini (t 1901), den greisen Timoteo Bertelli (T 1905) und den auf
dem Felde der Ehre gefallenen August Wolkenhauer (+ 1915). Aber es fehlen
uns auch gar viele Kenner der Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen, die jetzt
mitzusprechen hätten, ein A. E. Nordenskiöld (+ 1901), Sophus Ruge (+ 1903),
Henry Harisse (ft 1910), Gustavo Uzielli (t 1911), Axel Björnbo (ft 1911),
Luigi Hugues (} 1913), Ernst G. Ravenstein (ft 1913), um nur die bekanntesten
zu nennen. Sir Clements Markham (t 1916), der uns seit einem halben Jahr-
hundert als Autorität auf diesem Gebiete galt, hat noch kurz vor seinem Tode sein
Urteil in der uns hier beschäftigenden Frage öffentlich abgegeben?).
2. J. Bensaudes Schrift, L’astronomie nautique au Portugal (1912) . "Als
Ausgangspunkt für unsere Betrachtungen kann das sehr verdienstliche und all-
gemein anerkannte Werk des Portugiesen Joaquim Bensaude dienen: „L’astro-
nomie nautique au Portugal a l’epoque des grandes decouvertes‘‘ (Berne, 1912).
Enthält dies auch keineswegs schon eine erschöpfende Darstellung seines Gegen-
standes?), vielmehr in wenig übersichtlicher Disposition eine Reihe von Studien-
ergebnissen und programmatischen Aphorismen, so hat es doch eine ausgesprochene
Wirkung erzielt durch die beweiskräftige Analyse wirklich neuer Fundstücke der
nautischen Literatur aus jenen noch so dunklen Zeiten um die Wende des 15. Jahr-
hunderts. Hierbei kommen vor allem der Almanach yerpetwum des spanischen
Juden Abraham Zacuto (zuerst gedruckt in Leiria 1496) in Betracht sowie der
kurze Leitfaden der Nautik „Regimento do estrolabio‘‘, zwar auch erst im Anfang
des 16. Jahrhunderts gedruckt, aber handschriftlich wohl schon früher in der portu-
giesischen Marine verbreitet. Das erstere Werk war schon 1908 in seiner Bedeutung
für die nautisch astronomischen Kenntnisse der Portugiesen am Ende des 15. Jahr-
hunderts, also zur Zeit ihres kräftigsten Heraustretens auf das Meer, von dem in
England lebenden Deutschen Ernst Ravenstein erkannt. Dagegen gebührt
J. Bensaude das Verdienst, den Wert des Regimento, an dem, als man es in der
Münchener Hof- und Staatsbibliothek entdeckte, ein Siegmund Günther (1900)
und Emil Gelcich achtlos vorübergegangen waren, für die Entscheidung der
Frage einer selbständigen Entwicklung der Nautik der Portugiesen ins richtige
Licht gestellt zu haben. .
Indem gerade diese beiden Werke den deutschen Forschern seit Alexander
von Humboldt in seinen „„Kritischen Untersuchungen“ (1836) die Aufmerksamkeit
von neuem auf Regiomontan’s Wirksamkeit und auf das Verweilen des Nürn-
berger Patriziers Martin Behaim am portugiesischen Hofe gelenkt hatte, voll-
kommen unbekannt geblieben waren, hatte sich, das ist nicht zu leugnen, bei uns
die Anschauung festgesetzt, daß erst das Bekanntwerden jener astronomischen
Tafelwerke in Portugal und Spanien und Behaims persönliches Eingreifen vermöge
seiner Aufnahme in die Junta dos mathematicos zu Lissabon der portugiesischen Marine
den Ansporn, ja in gewissem Sinne die Möglichkeit zur allbekannten Entfaltung
ihrer Kräfte geboten habe. Dabei darf gegenüber der einseitigen Polemik Ben-
saudes gegen die deutsche Literatur nicht übersehen werden, daß ähnliche An-
schauungen über diesen Einfluß der Deutschen in Portugal auch bei anderen
Nationen Eingang gefunden hatten und haben. Ich erinnere an den Briten Henry
Major (Prince Henry the Navigator, 1868), vor allem an die Portugiesen Latino
Coelho (1882) und Oliveira Martins (1893), auf die schon Bensaude aufmerksam
!) „The history of the gradual development of the groundwork of geographical secience.‘“ The
Geographical Journal, Vol. XLVI, Sept. 1915, 173—185,
2) Es ist mir nicht recht verständlich, wie der Astronom Berthold Cohn, dem wir unbedingt
die beste und eingehendste Besprechung des Bensaudeschen Werkes verdanken (Vierteljahrsschrift der
astronomischen Gesellschaft, 51. Jahrgang, Leipzig 1916, 1. Heft, S. 43—53) am Schluß aussprechen
konnte: „das behandelte Thema sei so erschöpfend dargestellt, daß für das Bensaudesche Buch der Titel
piner »Navigationskunde des 15. und 16. Jahrhunderts« vollkommen gerechtfertigt sei“. Denn auf zahl-
reiche Fragen, vor allem die Längenbestimmungen, ferner das gesamte Seekartenwesen usw. usw. geht
Bensaude fast gar nicht ein,