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Volltext: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 45 (1917)

500 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Dezember 1917. 
schnitte kennen lernt, wenn ihm insbesondere die Ellipse in den verschiedensten 
Bedeutungen, als Planetenbahn, als Trägheitsellipse, als Fehlerellipse usw. ent- 
gegentritt. Im Gegenteil wird er, wenn ihm die Grundeigenschaften geometrisch 
oder analytisch kurz entwickelt sind, das Weitere am liebsten an der Hand der 
Anwendungen zu erfahren suchen. 
Wir dürfen deshalb allgemein den Übergang von der Seefahrt- zur Seefahrt- 
hochschule nicht etwa in der Hinzunahme neuer mathematischer Lehrfächer suchen. 
Die Ergänzung der mathematischen Ausbildung, die wir erstreben müssen, wird viel- 
mehr in einer weiteren Entwicklung der rechnerischen und zeichnerischen Fähig- 
keiten liegen. Das mag etwas banausisch klingen, ist darum aber doch nicht minder 
wahr. Jede analytische Entwicklung, der ganze Formelapparat bildet nur ein Hilfs- 
mittel für die ziffernmäßige Berechnung im konkreten Fall und kann nur von diesem 
Zweck aus richtig verstanden werden. Je rascher und sicherer das Ergebnis mit 
der gewünschten Genauigkeit erreicht wird, um so besser ist die Methode, und dies 
darf den einzigen Maßstab für die Güte eines Verfahrens bilden, Die Rechnung 
muß daher im Vordergrund des Interesses bleiben, es müssen auch alle Hilfsmittel 
herangezogen werden, die der glatten und leichten Ausführung der Rechnung dienen, 
und es darf nicht ein einmal eingeübtes Verfahren schematisch festgehalten werden. 
Dem Hochschulstandpunkte ist es z. B. nicht angepaßt, wenn der Studierende 
nicht erfährt, daß er mit dem Rechenschieber alles erreichen kann, was die Grad- 
und Strichtafel seines Tabellenwerkes leistet. Ebenfalls die graphischen Methoden 
muß der Schüler lernen heranzuziehen, und dazu ist auch ‚eine äußerliche Übung 
im Zeichnen notwendig, die nicht an dem Hin- und Herschieben des Parallelenlineals 
auf der Seekarte haften bleiben darf. Der Studierende muß so weit kommen, daß er 
eine technische Zeichnung ohne weiteres verstehen, ja eine einfachere solche Zeichnung 
selbst herstellen kann. . 
Der praktische Geist, der die mathematische Ausbildung bei allem Gefühl 
für wissenschaftliche Tiefe und wissenschaftliche Würde durchdringen muß, soll 
sich auch bei der physikalischen Ausbildung zeigen. Vielleicht noch mehr als die 
höhere mathematische Auffassung ist das vertiefte physikalische Wissen geeignet, 
den Maßstab für den Standpunkt der höheren seemännischen Berufsbildung abzu- 
geben. In der Tat ist das meiste, was ergänzend zu dem Lehrstoff der Seefahrt- 
schule hinsichtlich der engeren Aufgaben der Schiffsführung hinzutritt, in gewisser 
Weise physikalischen Charakters. Das gilt betreffs der Ausgestaltung der Kompaß- 
lehre, der verschiedenen Methoden für die .Richtungs- und Entfernungsbestimmung, 
die eine völlige Umgestaltung der Navigation jedenfalls in Nähe von Land herbei- 
zuführen imstande sind, das gilt ferner betreffs der mit der Verwendung des Kreisels 
verbundenen Neueinrichtungen, der sachgemäßen Verwendung der Chronometer, 
der Ausnutzung der drahtlosen Telegraphie, überhaupt der Einführung elektrischer 
Einrichtungen an. Bord, das gilt ebenso für die genaue Bekanntschaft mit dem 
Verhalten des Schiffes in Wind und Wellen und mit der Bedeutung seiner Bauart, 
es gilt für das richtige Verständnis der an Bord befindlichen Maschinen und 
maschinentechnischen Einrichtungen, überhaupt auch aller zur Verwendung 
gelangenden Instrumente, es gilt endlich für die Vertrautheit mit den Witterungs- 
erscheinungen und den Teilen der Meereskunde, die für die Schiffsführung in 
Betracht kommen. Vielleicht wird man auch an eine Einführung in die Elemente 
der Himmelsmechanik, etwa in Zusammenhang mit einer Erweiterung der in den 
Grundzügen auch auf der Seefahrtschule gelehrten sphärischen Astronomie denken. 
Es zeigt sich an dieser Vielgestaltigkeit der physikalischen Anwendungen 
aber, daß mit einem allgemeinen physikalischen Lehrgange wenig gedient sein 
würde, daß es sich vielmehr darum handeln muß, die verschiedenen Sondergebiete 
wissenschaftlich zu durchdringen, allerdings mit dem lebendigen Bewußtsein der 
inneren Zusammenhänge. Eine allgemeine Einführung in die Mechanik und in die 
Elektrizitätslehre wird allerdings kaum zu umgehen sein, aber auch diese Einführung 
wird von Anfang an geleitet sein durch den Gedanken daran, in welcher Weise diese 
Wissensgebiete für den Seemann in Betracht kommen. 
So wird die fachliche Zweckbestimmung auch bei der Hochschulausbildung 
des Seemanns entschieden voranzustellen sein. Die wissenschaftliche Vertiefung
	        
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