Timerding, H. E.: Der Plan einer Seefahrthochschule.
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den angehenden Schiffsführer bedeuten, er würde sie doch nicht genügend‘ ver-
wenden können. Sie würden nur eine unnötige Belastung seiner Fassungskraft
und ein totes Wissen für ihn bleiben. ı Ar
Es ist zu bedenken, daß, wenn der fähige und mit Liebe zu seinem Beruf
erfüllte Seemann. leicht und ‘sicher auffaßt, wo er die Beziehung zu seinem Fache
erkennen. kann, er doch nur mit Widerstreben und mit großen Schwierigkeiten
sich in eine abstrakte mathematische Theorie, bei der zunächst die Anwendung
auf die Wirklichkeit nicht abzusehen ist, einarbeiten würde. . Deshalb erscheint es
notwendig, daß, was an mathematischen Hilfskenntnissen gebraucht wird, möglichst
von Anfang an in enger Verbindung mit den nautischen und technischen Aufgaben
gehalten wird. Das ist sehr wohl möglich, auch wenn die Symbole der Differential-
und Integralrechnung Verwendung finden. . Ich entsinne mich. von einem prak-
tischen Seemann gehört zu haben, die Bedeutung der Standlinienmethode und die
Beurteilung der in der nautischen Ortsbestimmung erreichten Genauigkeit sei ihm
erst aufgegangen, als er die zugehörigen Formeln mit Differentialzeichen geschrieben
und ihren Zusammenhang mit den trigonometrischen Grundformeln erkannt habe.
Für den Seemann werden Differentialzeichen immer nur als Symbole für eine
lineare Approximation auftreten. Es würde deshalb keinen Zweck haben, etwa
den Grenzbegriff ausführlich zu entwickeln und darauf die genaue Ableitung der
Differentialbegriffe aufzubauen. Was wirklich gebraucht wird, läßt sich in wenig
Wochen zu Beginn eines Lehrganges der „Nautik vom höheren Standpunkte aus“
mit Leichtigkeit geben. Auch der Integralbegriff wird an sich großen Nutzen zeigen
und befreiend und klärend auf die grundsätzliche Auffassung wirken. Aber auch hier
handelt es sich nur um eine Einführung. in die allerersten Elemente. . Wir brauchen
bloß daran zu denken, daß die Hauptanwendung, die für die Nautik in Betracht
kommt und wohl die Grenze des überhaupt Erstrebenswerten darstellt, die Ab
ileitung der Formel für die vergrößerte Breite aus dem Integral des Sekans der“
wirklichen Breite bildet. Der Begriff dieses Integrals war aber in der Fassung als
Summa secantium schon im Anfang des 17. Jahrhunderts vorhanden, ehe die
Integralrechnung selbst überhaupt entdeckt war. ©
Was auf diese Weise in unmittelbarer Verschmelzung mit einem Lehrgang
der Nautik an mathematischen Kenntnissen erworben werden kann, reicht meines
Erachtens auch aus für alle physikalischen Anwendungen, die der Seemann braucht.
Dabei ist es eine ungeheuere Erleichterung, wenn Differential- und Integralsymbole
ungehindert verwendet werden können, aber es ist durchaus nicht nötig, daß der
Studierende in. der Differential- und Integralrechnung selbst erfahren ist. Eine
so tiefgehende Behandlung der elektromagnetischen Theorie, die etwa auf die
Maxwell-Hertz’schen Gleichungen zurückgreift, wird schon aus dem Grunde.nicht
in Betracht kommen, weil dafür gar nicht die Zeit vorhanden ist. Die Aufgabe ist
vielmehr, die Studierenden möglichst rasch in den Kern der praktischen Probleme
und ihre sichere Handhabung einzuführen, was auch ohne größe mathematische
Hilfsmittel möglich sein dürfte. Ebenso würde die Kreiseltheorie kaum auf den
Eulerschen Differentialgleichungen aufbauen können, und gerade das ausführlichste
Lehrbuch der Kreiseltheorie, das von Klein und Sommerfeld, zeigt in dem letzten
von Fritz Noether bearbeiteten Bande deutlich, wie einfach und leicht zu fassen
doch die Sätze sind, auf denen die praktischen Anwendungen beruhen, und wie
diese Sätze auch ohne vorausgehende lange theoretische Entwicklungen sich ver-
ständlich machen lassen. Ein Beispiel dafür, wie mit. verhältnismäßig einfachen
mathematischen Hilfsmitteln in einer für die praktische Betätigung ausreichenden
Weise die Probleme der angewandten Physik sich behandeln lassen, bietet auch
das schöne Buch von G. H.. Darwin über Ebbe und Flut. Die hier gegebene Dar-
stellung: kann geradezu als Muster dafür dienen, wie an der Seefahrthochschule
die Probleme leicht verständlich und doch wissenschaftlich sich entwickeln ließen.
Wie für die Infinitesimalrechnung würde ein besonderer Lehrgang auch für
die analytische Geometrie kaum anzuraten sein, gerade weil die Behandlung der
nautischen Aufgaben durch den Gebrauch der Karte und die graphischen Methoden
sich eng mit den. Grundgedanken der analytischen Geometrie verflicht. Es bedeutet
keinen. Lehrgang der analytischen Geometrie, wenn der Studierende die Kegel-