{68 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie. November 1917.
jemand den durch die Einführung der bürgerlichen Zählweise erzielten Gewinn
höher als die Nachteile cin, so hat er die möglichen Systeme gegeneinander ab-
zuwägen und sich dann zu entscheiden, wie er die Rechenverfahren, Formeln oder
nautischen Tafeln zum Empfang der bürgerlichen Zählweise einrichten will. Und
da kommen neue Schwierigkeiten. Die Herren Bolte?!), Meldau und Möller
haben drei wesentlich verschiedene Wege vorgeschlagen, jeder von ihnen hält sein
System für das richtige. Würde man sich aber allgemein nicht auf ein bestimmtes
System einigen können, würden mehrere Systeme in Umlauf gesetzt werden, so
würde das die Verwirrung in der Übergangszeit noch weiter steigern. Und wenn
man nun bedenkt, daß die auf See heute üblichen Methoden durchaus nicht ein-
heitlich sind und daß jede Methode von sich aus eine besondere Umgestaltung
zwecks Anpassung an die bürgerliche Zählweise bedingen wird, so erkennt man
sofort, daß es nicht leicht sein wird, zu einer Einigung zu gelangen. Steht man
auf dem Standpunkt, daß sie unbedingt erzielt werden muß, weil sonst die Über-
gangsschwierigkeiten zu sehr wachsen, so erscheint unter den verschiedenen Mög-
lichkeiten diejenige als die beste, die sich allen jetzt üblichen nautischen Methoden
anpaßt, also für alle Seefahrer gleichmäßig in Vorschlag gebracht werden kann.
Der sich aus diesem Gesichtspunkt ergebenden Forderung steht aber eine
andere entgegen. Herr Bolte nennt die astronomische Zählweise einen Fremd:
körper, von dem der nautische Unterricht hoffentlich bald befreit werden könne.
Einen Fremdkörper soll man aber ganz entfernen. Ganze Arbeit, keine halbe
Arbeit! Was für einen Zweck hat es, den Seeleuten Methoden zu verschreiben, die
wohl zur Erleichterung der Übergangsschwierigkeiten dienen, aber doch nicht den
natürlichen Bedingungen und Verhältnissen vollkommen Rechnung tragen, also
nur vorübergehenden Wert haben und doch bald wieder verbessert werden müssen ?
Der ersten Forderung genügt das Boltesche System am denkbar besten.
Tafeln und Formeln bleiben unverändert. Aber es ist ein gekünsteltes System, nur
darauf berechnet, den Übergang zur bürgerlichen Zählweise möglichst schmackhaft
zu machen, ein System, dem man die Kinderstube anmerkt, das sich von den Fesseln
der alten Denkweise noch nicht frei gemacht hat und sicher bald von anderen
Systemen verdrängt werden wird. Außerdem erfordert seine Handhabung mehr
Aufmerksamkeit als die Benutzung der astronomischen Zählweise.
Die Vorschläge der Herren Meldau und Möller tragen der ersten Forderung
nicht Rechnung, erfüllen aber die zweite in gewissem Grade, indem alle Stunden-
winkel künftig vom unteren Meridian gezählt werden sollen. Hat es aber nichts
Gekünsteltes, Gezwungenes an sich, wenn man, wie Herr Meldau die Eingänge
und Unterschriften der nautischen Tafeln ändert, um sie der neuen Zählweise
anzupassen? Ist das nicht bloß halbe Sache? Die beabsichtigten Veränderungen
sind wohl nicht so einschneidend, daß die alten Tafeln völlig wertlos gemacht würden.
Aber wenn die Tafeln auch durch handschriftliche Verbesserungen und Ein-
tragungen am Tage des Übergangs weiter bordfähig zu gestalten sind, so könnten
die Änderungen doch nur an der Hand von zu erlassenden Anweisungen oder mit
Hilfe der neuen Tafeln an Bord vorgenommen werden. Dabei würden sie wieder ver-
schieden ausfallen, je nachdem Boltesche, Breusingsche oder andere Tafeln benutzt
werden. Jedenfalls würden die Anweisungen, die wohl am besten dem neuen Jahr-
buch beigegeben würden, nicht ganz kurz ausfallen. und nicht so leicht an Bord
auszuführen sein, wie sich Herr Meldau das denkt. .
Herr Möller scheint in bezug auf eine Umgestaltung der Tafeln ebenso zu
denken wie ich. Er wird nämlich in der Verfolgung seines Planes dazu geführt,
eine Änderung an den A-B-C-Tafeln vorzunehmen, und spricht es offen aus, daß
das seine Bedenken habe. Er nimmt aber merkwürdigerweise keinen Anstoß daran,
daß auf Grund seines Vorschlages sämtliche nautisch-astronomischen Formeln
geändert werden müssen. Sein System widerspricht damit der ersten von mir auf-
gestellten Forderung noch mehr als das Meldausche und wird daher zu großen
Schwierigkeiten in der Übergangszeit Veranlassung geben. Herrn Möllers Streben
ist aber offenbar darauf gerichtet. ein System zu schaffen. daß sich in natürlicher
) Ann. d. Hydr., XXXXV. Jahre. 1917. Heft V.