4130 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, November 1917.
verständlich, daß, je fähigere Schiffsführer eine Reederei besitzt, um so größer die
Leistungen sind, die sie in der Seefahrt zu verzeichnen hat, und damit auch ihre Wettbewerbsfähigkeit
ganz erheblich zunimmt. Schon das soziale Ansehen, das durch
die akademische Ausbildung den Kapitänen und Schiffsoffizieren im Auslande verliehen
wird, würde auch den wirtschaftlichen Erfolg steigern. Wenn derart die
Reedereien einen unleugbaren Gewinn von der Seefahrthochschule haben, so kann
man vielleicht auch erwarten, daß sie Opfer dafür zu bringen bereit sind. Solche
Opfer müssen von ihr verlangt werden, auch wenn nicht etwa unmittelbar ein Zuschuß
zu den Kosten der Seefahrthochschule von ihnen gefordert wird.
Die Reedereien müssen nämlich ihre Offiziere zum Besuch der Seefahrthochschule
beurlauben. Denn es wäre unbillig und für die Entwicklung der Hochschule
der Todesstoß, wenn der Seemann, der sie besuchen will, dadurch seine sichere Anstellung
verliert. Nun wird der Besuch der Hochschule bei der Fülle des zu bewältigenden
Lehrstoffes eine entsprechend lange Zeit in Anspruch nehmen, Wenn man
selbst das äußerste Mindestmaß in Ansatz bringen wollte, so würde man doch immerhin
ein Jahr rechnen müssen. Ganz so lange würde es allerdings nicht sein, wenn
man die akademischen Ferien’mit in Rechnung zieht. Diese Ferien sind bekanntlich
an allen Hochschulen im Vergleich zu andern Lehranstalten recht hoch bemessen,
Das beruht nicht etwa auf einer akademischen Unsitte, sondern einfach darauf,
daß einerseits der Lehrende zur eigenen wissenschaftlichen Arbeit und zur Vorbereitung
der Lehrgänge eine Zeit ruhiger Sammlung braucht, und anderseits der
Lernende den aufgenommenen Lehrstoff verarbeiten und ergänzen muß. So würden
auch bei der Seefahrthochschule drei Ferienmonate im Sommer (etwa vom 15. Juli
bis 15. Oktober) vorgesehen werden müssen, wogegen man vielleicht die Feiertagsferien
nach Möglichkeit abkürzen würde, um den jungen Seeleuten möglichst wenig
von ihrer Zeit zu rauben. Damit würden etwa neun Monate herauskommen, die
der Seemann für den Besuch der Seefahrthochschule unbedingt zur Verfügung
haben muß. Allerdings ist auf jeden Fall zu wünschen, daß ihm noch weitere
drei Monate bleiben, zunächst zur Ablegung der Prüfung, und dann zur Ergänzung
seiner Ausbildung nach irgendeiner praktischen Seite hin, sei es durch Ausbildung
in der drahtlosen Telegraphie, durch die Arbeit in einer Werkstätte oder in einem
Laboratorium, auf einer Werft oder was sonst in Betracht kommen mag.
Man muß also doch mindestens damit rechnen, daß der Schiffsoffizier durch
den Besuch der Seefahrthochschule ein Jahr seiner praktischen Berufstätigkeit
entzogen wird. Es ist nun kein Zweifel, daß dieser Zeitverlust durch die gesteigerte
Ausbildung, die er von der Hochschule mitbringt, reichlich wieder eingebracht wird,
und wie jeder Beruf durch ein erhöhtes Wissen und Können mehr gewinnt als an
Zeit für den Erwerb dieser vermehrten Befähigung aufgewendet wird, so würde
auch der Seemannsberuf und mit ihm die Seefahrt durch das hinzukommende Hochschulstudium
nur Nutzen und Vorteil haben. Es bliebe bei dem Seemann die
auf die Berufsbildung verwendete Zeit immerhin noch sehr gering im Vergleich
zu der Dauer der Ausbildung bei andern Berufen. Aber Zeit kostet jedes Studium.
und diese Zeit muß zur Verfügung stehen. . ö
_ Es müßten also die Reedereien ihre Offiziere zum mindesten für ein Jahr frei
geben, zu einer Zeit, wo das noch leichter geht, weil ein jüngerer Offizier eher zu
zreetzen ist wie ein älterer, mit dem Betrieb bereits verwachsener. Man müßte ungefähr
an zwei oder drei Jahre nach Besuch der Schifferklasse denken, damit einerseits
eine gereifte praktische Erfahrung bereits vorhanden, anderseits die Aufnahmefähigkeit
gerade auf dem Höhepunkte ist und das Studium vor dem Aufrücken
in die höheren Stellungen stattfinden kann. Die Reedereien müßten nun ihre Offiziere
nicht bloß für diese Zeit entbehren, sie müßten sich auch entschließen, ihnen wenigstens
einen Teil ihres Gehaltes weiterzuzahlen. Denn in zwei bis drei Jahren kann
sich der junge Offizier nicht so viel zurückgelegt haben, um ein Jahr lang seinen
Lebensunterhalt bestreiten zu können, und es würde von sehr üblen Folgen sein,
wenn der Besuch der Hochschule nicht bloß von der Tüchtigkeit, sondern in entscheidender
Weise auch von dem Geldbeutel des Studierenden abhängig gemacht
werden müßte. Es war ja bis jetzt der große Vorzug gerade des Seemannsberufes,
daß für das Fortkommen allein Begabung, Fleiß und Willenskraft maßgebend gewesen
sind. Den Aufstieg der Begabten, den wir bei allen Berufen gegenwärtig