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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, November 1917.
Dies ist deutlich bei einem anderen Berufe zu beobachten, der ebenfalls auf
das Selbststudium angewiesen ist, ohne daß die volle wissenschaftliche Urteilsfähigkeit
vorher entwickelt. wäre. Der Volksschullehrer, der sich zum Mittelschullehrer
weiterbilden will, hat keine andere Möglichkeit, als sich aus Büchern
das Nötige anzueignen. * Darunter leidet aber die ganze Ausbildung aufs schwerste.
Dem jungen Lehrer fehlt das Vermögen, sich die rechten Lehrwerke auszusuchen
und ihren Inhalt von Grund aus zu verstehen. Er greift nach den Handbüchern,
die ihm empfohlen werden, aber oft von recht zweifelhaftem Werte sind. So häuft
sich in seinem Kopfe eine Summe von Buchwissen an, vieles bleibt halb verstanden,
anderes, was er gläubig aus seiner gedruckten Vorlage annimmt, ist geradezu falsch
und verkehrt. Was er aus lebendiger Anschauung kennen lernen sollte, wird ihm
nur durch den toten Buchstaben mitgeteilt. Die Gelegenheit zu eigener Beobachtung
und zu eigenem Erarbeiten. der Ergebnisse hat er nicht.
Dabei liegt hier immer noch ein organisiertes Lehrsystem vor. Die gegenseitige
Hilfe der Gleichstrebenden, der fördernde Rat erfahrener Fachgenossen
stehen dem Aufstrebenden zur Seite. Dem Seemann aber, der an Bord nur Wasser
und Himmel um sich hat, fehlt das alles, Er muß zum nächsten besten Buche greifen,
und oft wird es ihm schwer oder gar unmöglich, überhaupt die nötigen literarischen
Hilfsmittel zu finden. Die Segelanweisungen, das ausführliche nautische Lehrbuch
der Kaiserlichen Marine oder ein anderes der ausgezeichneten Lehrbücher, die wir
besitzen, vielleicht ein besonderes Handbuch der Kompaßlehre oder andrer Teilgebiete,
im übrigen aber völlig unzulängliche oberflächliche Zusammenstellungen,
das bleibt alles, was er erreichen kann, und so weiterzukommen, ist selbst für den
Fleißigsten und Begahbtesten außerordentlich schwer.
Völlig unmöglich wird das aber auf den Gebieten, die der seemännischen Art
und Ausbildung fern liegen, wie etwa das Gebiet des Seerechts. Hier soll der junge
Schiffsführer sich in einen besonderen Zweig der Rechtswissenschaft einarbeiten,
ohne daß er von vornherein überhaupt die allerersten Grundlagen dieser Wissenschaft
besitzt. Das kann er nicht ohne die unmittelbare Hilfe des gesprochenen Wortes,
das auf sein Verständnis, seine Auffassung und seine Bedürfnisse zugeschnitten ist,
bei dem das Wesentliche unterstrichen und breiter erläutert, das Beiwerk zurückgedrängt
und als weniger wichtig gekennzeichnet wird, während in der gedruckten
Vorlage gleichmäßig Wort neben Wort steht und nur das eindringende Verständnis
des Lesers Hauptsachen und Nebensachen zu scheiden weiß. Allein aus einem gedruckten
Buch heraus läßt sich der Geist der Rechtspflege für den Seemann nicht
erfassen. Er sieht nur die einzelnen gesetzlichen Bestimmungen, nicht den inneren
Zusammenhang, der sie zu einem organischen Ganzen verbindet. n
Zum großen Teil läßt sich aber das Wissen, um das es sich handelt, überhaupt
nicht aus Büchern erwerben. Denken wir nur an die Physik und alles, was mit ihr
zusammenhängt! Hier sollen die Kenntnisse nicht aus auswendig gelernten Sätzen
bestehen, sondern sie müssen an der Hand von Versuchen, und nicht bloß von Versuchen,
die der Lehrer vormacht, sondern auch von Versuchen, die der Schüler
selbst ausführt, erworben werden. Sonst ist die Möglichkeit wirklichen Verständnisses
und eigener nutzbringender Anwendung völlig ausgeschlossen. Wer wollte
sich in der drahtlosen Telegraphie ausbilden, indem er sich ein Buch kauft und darin
liest ?
So ist es unbedingt notwendig, die Selbstbelehrung als ein ausreichendes
Mittel zur Fortbildung des Seemannes über die Schifferklasse der Seefahrtschule
hinaus zu verwerfen und, wenn solche Fortbildung sich als erforderlich erweist,
sie nicht vom Selbstunterricht abhängig zu machen, sondern ihr eine besondere
Stätte in der Seefahrthochschule zu bereiten. Erst wer durch eine solche Hochschule
hindurchgegangen ist, hat sich die Fähigkeit erworben, sich durch Lesen
und eigene Beobachtung selbständig weiterzubilden und über die Fortschritte auf
den mit seinem Fache zusammenhängenden. Gebieten auf dem Laufenden zu halten.
Von anderer Art wie die Widerstände, die aus einer an sich neuerungfeindlichen
Gesinnung hervorgehen können, sind die Einwände, die sich aus Standesrücksichten
gegen die Gründung einer Seefahrthochschule erheben lassen. Mit einer solchen Gründung,
kann man sagen, wird der Stand der Schiffsoffiziere und Kapitäne notwendiger-