Ann. d. Hydr. usw., XXXXV. Jahrg. (1917), Heft XI.
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Der Plan einer‘ Seefahrthochschule.
Von Prof. Dr. M. E. Timerding, Braunschweig.
(Fortsetzung.) a
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Eine so einschneidende Reform, wie sie in der Gründung einer Seefahrt-
hochschule liegen würde, muß, wenn die Möglichkeit ihrer Verwirklichung gesichert
erscheinen soll, gegen alle Einwendungen, die sich dagegen erheben können, ver-
teidigt werden. Der nächstliegende Einwand kann vielleicht in einem Gegengrund
erblickt werden, der sich in ähnlicher Weise gegen jede Neuerung richtet und der
einfach auf dem nicht bloß für die Bewegung der Körper, sondern auch im Bereich
des Geisteslebens geltenden Gesetz der Trägheit beruht. So unsinnig dieser Gegen-
grund an sich ist, soviel Gewicht pflegt er doch zu haben. Er besteht darin, daß
gefragt wird: Wozu ist eine Neueinrichtung überhaupt nötig? Es ist solange gut
gegangen, warum soll es nicht auch länger gut gehen?
Mit diesem Gegengrund kann man aber jeden Fortschritt abschneiden. Wenn
er stichhaltig wäre, ständen wir heute noch da, wo unsere Voreltern vor zweitausend.
Jahren standen. Alles was an Erfindungen und Entdeckungen gemacht worden ist,
entspringt dem Triebe, sich nicht bei dem Bestehenden, als wie befriedigend es auch
empfunden werden mag, zu begnügen, sondern darüber hinaus einem vollkommeneren
Zustande zuzustreben. Wer die Berechtigung dieses Strebens an sich ablehnt, mit
dem. ist über keine Neuerung zu verhandeln.
So ist es auch mit dem Gedanken einer. Bereicherung und Vertiefung der
seemännischen Ausbildung. Wie Tüchtiges auch die Kapitäne und Offiziere unserer
Handelsmarine geleistet haben mögen, nichts berechtigt uns zu glauben, daß sie
nicht bei gesteigerter Ausbildung noch Besseres zu leisten vermöchten. Es beruht
auch auf einer Täuschung, wenn darauf hingewiesen wird, daß der. Tüchtige und
Begabte trotz aller Schwierigkeiten. seinen Weg zu finden wiß und daß er um so
tatkräftiger sein Ziel zu erreichen strebt, je mehr Hindernisse sich ihm entgegen-
stellen. Auf diese Weise geht nur eine Menge Kraft und Zeit nutzlos verloren durch
tastende Versuche und unzweckmäßig aufgewendete Mühe, und es bleiben auch bei
dem Fähigsten störende Lücken und Mängel in Wissen und Können ‚bestehen. Es
würde allen Grundsätzen geistiger Ükoncmie Hohn sprechen, wenn man nicht gerade
dem Begabten die Möglichkeit geben wollte, auf die einfachste und vollständigste
Weise das an Kenntnissen zu erwerben, was er braucht, um die Eigenart seiner
Befähigung vcll entfalten zu können.
Darin ist aber bis jetzt noch verhältnismäßig wenig geschehen. Wie konnte
bis jetzt der junge, strebsame Seemann über das hinausgelangen, was die Seefahrt-
schulen geben und was notgedrungen in allen über‘ die Nautik hinausreichenden
Fächern, ja auch in der Nautik selbst Stückwerk bleiben muß, weil die Zeit zu einer
abschließenden Belehrung nicht entfernt ausreicht? Ihm stand allein der Weg
des Selbstunterrichtes offen. Nun braucht dieser Weg keineswegs an sich mißachtet
zu werden. Ist es doch der Weg zu. der höchsten wissenschaftlichen Ausbildung,
wie sie sich an das Hochschulstudium knüpft. Schon die Ausarbeitung der Doktor-
dissertation bedingt über. das an der Hochschule Lehrbare hinaus eine Vertiefung
in.die wissenschaftliche Forschung auf Grund eigenen Quellenstudiums oder eigner
Beobachtungsarbeit, und auch alle weitere schöpferische Tätigkeit auf wissenschaft-
lichem Gebiet ist nur möglich durch die allein dem eigenen Antriebe folgende und.
durch keine fremde Hand geleitete Versenkung in das erwählte Fachgebiet. Aber
alles das setzt voraus, daß vcrher bereits die kritische Fähigkeit der rechten Aus-
wahl und der rechten Beurteilung ausgebildet ist. Wo. das nicht der Fall ist, führt.
der Selbstunterricht meist auf Abwege und bedeutet immer eine beträchtliche Er-
schwerung des Lernens. _
Ann. d. Hydr usw. 1917. Heft XI.