30 Annalen der Hydrographie and Maritimen Meteorologie, Januar 1917.
von derselben Art wie das Tiefenwasser, das das Nordpolarbecken erfüllt. Wir
kommen so zu dem Schluß, daß der Salzgehalt des letzteren nicht viel über
34,90% sein kann, oder genau derselbe ist. wie der Salzgehalt des kalten
Tiefenwassers des Norwegischen Meeres (Europäischen Nordmeeres)‘“. Diese kurze
Behauptung Nansens überrascht zunächst, denn sie stüzt sich nur auf zwei
Beobachtungen in etwa 600 m Tiefe in der Nähe von Nord-Spitzbergen, die
gleichen Salzgehalt wie das Tiefenwasser des Europäischen Nordmeeres aufweisen,
30 daß man geneigt ist, die Schlußfolgerung Nansens rundweg abzulehnen.
Geht man aber näher auf die Beobachtungen der ‚‚Fram“‘-Expedition ein, so
erkennt man, was Nansen zu dieser Behauptung veranlaßt. Die Beobachtungen
auf der „Fram‘“ ergeben nämlich für die Tiefe von 600 m und mehr schon Gleich-
förmigkeit des Salzgehalts, der gegen die Tiefenschichten nur geringe Abweichungen
zeigt, die anscheinend innerhalb der damaligen Fehlergrenze liegen. Da nun für
600 m Tiefe und mehr’ auf der „Fram“‘‘ alle Werte höher liegen (revidiert bei
35.10% 0), so schließt Nansen aus den Werten bei Spitzbergen, daß alle diese früheren
Werte zu hoch bestimmt worden sind, und daß der wahre Wert 34.90%. (oder
etwas niedriger) ist.
Daß die Tiefenwerte, die Nansen auf der „Fram‘‘ beobachtet hat, alle um
0.2% 5 zu hoch sind, erscheint nicht so unwahrscheinlich, wenn man in Betracht
zieht, daß die Werte auf Aräometerbeobachtungen beruhen. Die früheren Aräometer-
beobachtungen ergaben meist zu hohe Werte. Ich erhielt z. B. auf S. M, S. „Planet“
bei Vergleichungen zwischen Chlortitrierung und Aräometerbeobachtung um
0.026%.9 zu hohe Salzgehaltswerte beim Gebrauch des mittleren Aräometersatzes,
an. Bord S. M. S. „Möwe“ waren die Aräometerwerte gleicherweise um 0.025% 49
Salzgehalt zu hoch, niedriger waren die Differenzen bei Schwendigs Beobachtungen,
und nur bei Meckings Beobachtungen ergab das Mittel, daß die Aräometerwerte
unter den durch Chlortitrierung bestimmten Werten lagen.!) So erscheint mir die
Schlußfolgerung Nansens zwar kühn, aber annehmbar, nur muß man sich bewußt
bleiben, daß es eine Annahme ist, die erst noch des Beweises bedarf, der nur durch
exakte Beobachtungen aus den größeren Tiefen des Polarbeckens geliefert werden
kann. Bestehen bleibt immerhin der Unterschied zwischen den Tiefentemperaturen
des Europäischen Nordmeeres (— 1.1° bis — 1.3°) und denen des Polarbeckens (— 0.8°
bis — 0.9°). Diese Erhöhung der Temperatur der Tiefenschichten könnte nach
Nansen durch Erwärmung mittels Mischung auf dem Weg der Wassermassen vom
Nordmeer ins Polarbecken erklärt werden; möglich sei es auch, daß ein niedriger
Rücken zwischen Spitzbergen und Grönland mit Tiefen von 1200 m bis 1500 m
den Zutritt des kalten Tiefenwassers des europäischen Nordmeeres ins Polarbecken
verhindere, so daß nur das Wasser oberhalb dieser Tiefen in das Polarbecken hinein-
gelangen könne.
II. Die Strommessungen.
Methodisches. Schon im Jahre 1905 hatte Nansen eine Methode zur Messung
der Stromgeschwindigkeit und Richtung auf hoher See von einem stetig treibenden
Schiff aus empfohlen,?) die aber außer durch einige Messungen von Helland-Hansen
auf der „Michael Sars‘“-Fahrt 1910 und einzelne Versuche Nansens 1911 noch nicht
in größerem Maße erprobt worden war. Die Methode setzt zunächst voraus, daß
die Geschwindigkeit der Strömung in größeren Tiefen so gering ist, daß sie gegenüber
der Geschwindigkeit in den oberen Schichten zu vernachlässigen ist. Ein Strom-
messer, den man in größere Tiefen von einem stetig treibenden Schiff (besser Boot),
das durch Treibanker in See oder durch Eisanker an einem Eisfeld gehalten wird,
versenkt, wirkt wie ein Log und zeigt uns die Richtung und Geschwindigkeit des
treibenden Bootes an.?) Versenkt man nun gleichzeitig noch einen zweiten Strom-
messer in eine Schicht unter der Oberfläche, z. B. in 100 m, deren Bewegung man
') Siehe die Zusammenstellung in Ann, d. Hydr. usw. 1914, S. 392 u. 393.
2) F. Nansen, Methods for measuring direction and velocity of currents in the sea. Publ.
de ecirconst. Nr, 34, 1906,
3) Siehe über die Anwendung dieser Methode in alten Zeiten mit primitiven Mitteln Ann. d.
Hydr. usw. 1915. 8. 59.