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Volltext: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 45 (1917)

366 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Oktober 1917. 
der Indikatordiagramme erschließt, völlig unmöglich und undenkbar. Die Dar- 
stellung der Wärmekraftmaschinen, die an den Seefahrtschulen gegenwärtig in 
wenigen Stunden ohne die nötigen wissenschaftlichen Grundlagen gegeben wird 
und sich meist auf eine dürftige Beschreibung der Kolbendampfmaschinen beschränkt, 
ohne die Dampfturbinen und die übrigen Motoren genügend zu berücksichtigen, 
ist dementsprechend von recht problematischem Wert. 
Das entscheidende Moment aber bildet vielleicht die zunehmende Bedeutung, 
welche die Elektrizität an Bord der Schiffe gewinnt. Nicht bloß, daß Schwach- 
und Starkstromtechnik in dem mehr und mehr sich verwickelnden Organismus 
der großen Ozeandampfer steigende Verwendung finden, es hat auch die drahtlose 
Telegraphie eine ganz neue Lage geschaffen und eine Kenntnis dieser Einrichtungen 
scheint für den Leiter des gesamten Betriebes an Bord nachgerade unentbehrlich. 
Wie sich die Verhältnisse verschoben haben, zeigt sich schon an der ersten 
Grundaufgabe jeder Navigation, der Peilung und der darauf beruhenden Orts- 
bestimmung. Während früher jede Peilung selbstverständlich eine optische war, 
haben wir jetzt auch die Peilungen durch gerichtete elektrische Wellen und die 
auf Schallmeßvorrichtungen beruhenden Peilungen. Dadurch wird nicht bloß die 
früher völlig unlösbar scheinende Aufgabe der Richtungs- und Ortsbestimmung 
bei unsichtigem Wetter der Behandlung zugänglich gemacht und auf diese Weise 
ein nicht abzusehender Fortschritt erzielt, es wird auch die Möglichkeit gegeben, 
auf Entfernungen, die weit über die Sichtweite hinausgehen, Peilungen vorzunehmen. 
Derart sind die Lösungsverfahren der terrestrischen Nautik in ein gänzlich neues 
Licht gerückt. 
Alle diese Vorrichtungen fordern aber, wenn sie mit Verständnis gehandhabt 
werden sollen, tiefgehende physikalische Kenntnisse. So müssen wir heute geradezu 
von dem Schiffsführer verlangen, daß er ein gutes Stück physikalischer Bildung 
besitze. Überhaupt machen die gesteigerten Anforderungen der neuen Zeit, Anforde- 
rungen, die bei dem ungeheuer verschärften Wettbewerb zwischen den Völkern 
noch immer größere werden, auch eine erhöhte Ausbildung notwendig. Sie verlangen 
eine kritische, weitblickende Durchdringung des ganzen Bereiches der Wissens- 
gebiete, die für die bis aufs äußerste gesteigerte Leistungsfähigkeit der Schiffe sich 
als notwendig herausstellen. Damit rückt die theoretische Unterweisung des Führers 
eines großen Schiffes weit hinaus über den Rahmen des mittelschulmäßigen Unter- 
richtsbetriebes, auf den sich auch die Schifferklassen unserer Seefahrtschulen not- 
gedrungen beschränken müssen. Wir brauchen einen hochschulmäßigen Lehrgang. 
Wie unsere technischen Hochschulen uns auf den technischen Fachgebieten eine 
entschiedene Überlegenheit dem Ausland gegenüber gegeben, wie unsere KElektro- 
technik und unsere chemische Industrie nur dadurch uns einen ungeheuren Vor- 
sprung vor unseren Nebenbuhlern gesichert haben, daß sie sich von Anfang an in 
enger Fühlung mit der wissenschaftlichen Physik und der wissenschaftlichen Chemie 
hielten und dementsprechend die Ausbildung für die leitenden Stellen unmittelbar 
an die durch die Hochschulen verkörperte wissenschaftliche Forschung angliederten, 
so würde sich auch die Seefahrt erheblich größere Entwicklungsmöglichkeiten schaffen, 
wenn sie sich mit einer hochschulmäßigen Ausbildung verbände. 
Dabei ist noch ein für die Gründung einer Seefahrthochschule sprechender 
Gesichtspunkt nicht hervorgehoben worden, der gleichfalls von entscheidender 
Bedeutung ist. Die Hochschulen sind nicht bloß Lehranstalten, sie sind auch 
Forschungsinstitute. Ja ihr Wesen liegt geradezu in der innigen Verschmelzung 
von Lehre und Forschung. Es erscheint schon an sich fast als selbstverständlich, 
daß sich mit der autoritativen Beherrschung eines Faches sowohl der Wunsch, es 
anderen mitzuteilen, als auch der Trieb, es durch eigene Forschungen zu erweitern, 
von selbst verbindet. Aber diese Verbindung ist nicht eine bloß äußerliche. Der 
hochschulmäßige Lehrbetrieb bedingt, daß dem Lernenden nicht einfach eine Summe 
positiven Wissens beigebracht wird, sondern daß er von Anfang an in innige Berührung 
mit der wissenschaftlichen Forschung selbst tritt, daß ihm die Probleme eröffnet 
werden, welche die Gegenwart erfüllen, und die Wege gezeigt, die zu ihrer Lösung 
führen, daß er von vornherein einen inneren Anteil hat an der Forschungsarbeit 
seines Lehrers, daß er sozusagen eingeführt wird in die Werkstatt des Geistes. Um-
	        
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