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Volltext : Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 45 (1917)

Timerding, H, E;: Der Plan einer Seefahrthochschule.

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entscheidend, daß die für den ärztlichen Beruf erforderliche gewaltige Menge von
Wissen .an den Stätten höchster geistiger Bildung erworben werden müsse. ;
Bei den übrigen praktischen Berufen herrschte dieser Gedanke aber lange
nicht in gleicher Weise. Auf die Dauer ist jedoch nirgendwo das praktische Geschick
allein ausschlaggebend geblieben, überall hat sich ein größeres oder geringeres Maß
notwendiger Berufskenntnisse außerdem als erforderlich erwiesen. Selbst das
Handwerk kann heute die Fachschule kaum mehr entbehren. Für den Handel
hat die dazu nötige Übung im Rechnen schon früh zu besonderen Handelsschulen
geführt. In der Landwirtschaft hat die rationelle Bodenbestellung den Unterricht
 an besonderen Ackerbauschulen notwendig gemacht. So ist durch alle praktischen
 Berufe hindurch der Übergang zum schulmäßigen Lehrbetrieb zu verfolgen.
Ein solcher schulmäßiger Lehrbetrieb bedeutet aber immer noch nicht den
Einschluß einer Hochschule- als Stätte für die Erlangung der höchstmöglichen
Ausbildung. - Anderseits liegt im Wesen der Hochschule auch nur dieser. Gedanke
des Emporführens zur letzten Vollendung beruflichen Könnens, nicht aber der
Gedanke eines im bloßen Vortrag, durch „Vorlesungen“, mitgeteilten Wissens. An
den Hochschulen für Musik ‘und bildende Künste bedeuten Vorträge und Vor-Jesungen
 nur einen nebensächlichen Bestandteil. Der Hauptsache nach handelt
es sich bei ihnen um einen praktischen Lehrbetrieb, der sich von der eigentlichen
Lehre nur dadurch unterscheidet, daß das persönliche Verhältnis von Meister
und Lehrling ausgeschaltet und durch den Klassenunterricht ersetzt ist.
Beim Seemannsberuf ist von vornherein klar, daß das eigentliche praktische
Verständnis der Seefahrt, die sogenannte Seemannschaft, nur in der praktischen
Berufstätigkeit an Bord der Schiffe erworben werden kann. Von der Seemannschaft
 ist aber der Wissenszweig scharf geschieden, auf dem die ganze Entwicklung
der neuzeitlichen Seefahrt beruht und den wir als Nautik bezeichnen. Die Nautik,
die Wissenschaft von der Ortsbestimmung auf See, ist es gewesen, die das Bedürfnis
nach besonderen Seefahrtschulen zunächst gezeitigt hat und die auf diesen Schulen
anfänglich allein unterrichtet wurde, Dabei schien das Maß des Erreichbaren und
auch des Erstrebenswerten erschöpft in einem bloßen Erlernen der trigonometrischen
Formeln und der logarithmischen Rechnungen, auf denen sich die Nautik aufbaut.
So gering diese Ansprüche waren, so entscheidende Bedeutung hatten doch die
derart. erlangten Kenntnisse und Fertigkeiten für die seemännische Laufbahn. Die
Kluft zwischen . dem navigationskundigen und dem bloß seemannschaftlich
geschulten Seefahrer ist so groß, wie sie nur beim Militär zwischen dem Offizier
und den niederen Dienstgraden wieder gefunden wird. Kein Wunder daher, daß
der tatkräftige und. zielbewußte Seemann mit allen Kräften der. Ausbildung
zustrebte, die ihm den Weg zum Steuermann und Schiffsführer eröffnete. Nicht
bloß, daß er mit heißem Bemühen die schwierigen Rechnungen zu bewältigen und
die von der rauhen Arbeit ungefügig gewordenen Finger dem Gebrauch der feinen
Beobachtungsinstrumente anzupassen strebte, er mußte auch von dem sauer verdienten
 Lohn das Nötige zurückzulegen trachten, um für.die Zeit des. Schulbesuches
den Lebensunterhalt. bestreiten zu können. :
Dann kamen nach vollendetem Schulbesuch noch die Angsttage der Prüfung.
War diese aber glücklich erledigt, so war dem Seemann der Weg erschlossen zu den
höchsten Stellungen, die er in seinem Beruf erreichen konnte. Wer von der Höhe
der wissenschaftlichen Warte auf die wenigen Verfahren der astronomischen Breiten-,
Längen- und Zeitbestimmung blickt, die so einschneidend die ganze Seemanns-Jaufbahn.
 beeinflussen, dem will‘ diese. Summe von Kenntnissen außerordentlich
bescheiden vorkommen. Anders aber erscheint es, wenn man überlegt, welcher
Abstand liegt zwischen der dürftigen Fähigkeit im gewöhnlichen Ziffernrechnen,
über welche die Kenntnisse eines großen Teiles der Seefahrer beim Beginn des
Schulbesuches nicht hinausgehen, und den Formeln der sphärischen Trigonometrie,
die sie beim Verlassen der Schule von Grund aus beherrschen müssen, wobei noch
zu. bedenken ist, daß der ganze Lehrgang sich auf wenige Monate zusammendrängt.
Immerhin würden nach unseren heutigen Begriffen die alten Navigationsschulen
 nur zu den niederen Fachschulen gerechnet werden können, so wie wir die
Ausbildung zum Schiffer auf. Küstenfahrt und kleiner Fahrt heute.noch dem Lehr-
            
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