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Volltext: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 45 (1917)

Möller, J.: Astronomische oder bürgerliche Zeitrechnung in der‘ Nautik? 355 
aber eine so gewaltsame Umwälzung in den üblichen Rechnungsweisen und in 
den nautischen Tafelsammlungen bedeuten, ‘daß man ohne weiteres davon Ab- 
stand nehmen wird.« Wozu denn dieser Übergang zu dem bis unter den Horizont 
reichenden Dreieck? Man kann wohl radikal vorgehen und den Stundenwinkel 
sämtlicher Gestirne vom unteren Meridian aus zählen und dabei doch das alte 
Grunddreieck Zenit—Pol—Gestirn beibehalten. Nur muß man dann den Winkel 
am Pol mit 12h +t statt mit t bezeichnen. Das ist doch unbedenklich. Nach 
dieser Zählweise bleiben die Beziehungen zwischen Stundenwinkel, Gerader Auf- 
steigung und Zeit (Sternzeit oder Ortszeit) völlig unverändert... Die Kulminations- 
zeiten ändern sich um 12 Stunden... Die Grundgleichung des astronomischen 
Dreieeks nimmt dann folgende Gestalt an: ; 
sin h=— sin g sin $d — cos gp cos 6 - cos £ 
(nach der früheren Zählweise -+- cos ®@ cos Öcost). 
Daraus folgt als: Formel für den Stundenwinkel, wenn .man Breusings 
nautische Tafeln benutzen will: . 
sem t = sec @ sec d cos Bd - cos At 
(statt wie bisher sem t = sec g sec ö sin Er „sin “7 WM. 
Es ist also gar nicht nötig, wie Professor Wendt meint, in den Stunden- 
winkeltafeln die Argumente um 12% zu verändern. Man kann die gleichen Tafeln 
weiter benutzen, und die Rechenformel ist weder schwieriger noch umfang- 
reicher geworden. Ganz ähnlich liegt die Sache bei den anderen Formeln und 
Tafeln. Die einzige Tafel, die eine kleine Änderung erfahren müßte, ist die 
A-—B—C-Tafel zur Bestimmung des Azimuts aus t, 9 und d. Hier müßte ent- 
weder bei den A- und B-Tafeln die Randbemerkung: »-+, wenn @ und ö gleich- 
namig«, in »—, wenn usw.« oder bei der C-Tafel die Bemerkung: »Azimut vom 
oberen Pol, wenn A-+-B positiv« in »,,.., wenn A-—+B negativ« geändert 
werden. Ich gebe zu, daß dieser eine Fall (der einzige, den ich gelten lasse) 
seine Bedenken hat, Aber gerade, da er die A--B—C-Tafel trifft, die durch 
andere Azimuttafeln kontrolliert werden kann (z. B. Ebsen), wird dem Bedenken 
etwas von seiner Schwere genommen. In Ebsens Azimuttafel fällt für die Sonne 
die Schwierigkeit fort, da man in diese Tafel mit der wahren Ortszeit am Vor- 
und Nachmittage eingeht, also schon‘ nach bürgerlicher Zählweise rechnen muß, 
während für. die anderen Gestirne die sehr. einfache Überlegung genügt, daß 
man bei einem Stundenwinkel über 12% in die Spalte der nachmittägigen Orts- 
zeit einzugehen hat. 
Professor Wendts Bedenken sind also meiner Ansicht nach nicht so 
schwerwiegend, daß sie ein Hindernis für die Einführung der bürgerlichen Zähl- 
weise in die nautischen Rechnungen und das Nautische Jahrbuch bilden können, 
besondersnicht, wenn man an Bord zu einer von Mitternacht zu Mitter- 
nacht reichenden -24stündigen Zählweise übergeht, was ich lebhaft 
befürworten möchte. 
Kleinere Mitteilungen. ; 
Über Revolution ohne Rotation. Weil die Tiden eine Störung der kon- 
stanten Niveaufläche der rotierenden Erde darstellen, tritt in der Theorie der 
Gezeitenkräfte das kinematische Problem der Revolution ohne Rotation auf. In 
Übereinstimmung mit Davis, Darwin, Helmert u. a. habe ich in meiner 
‚Theorie der Gezeitenkräfte« (Sammlung Vieweg) den Sinn der Revolution ohne 
Rotation dargestellt. Seltsamerweise erscheinen noch immer Schriften (wie die- 
jenige, die Wegemann im 5. Heft 1917 dieser Zeitschrift besprochen hat), die 
diesen Sinn nicht verstehen. Ich möchte nun im folgenden zwei Betrachtungen 
mitteilen, die den Sinn der Revolution ohne Rotation auf noch einfachere Weise, 
als es in meiner Schrift geschehen ist, klar machen können. ;
	        
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