330 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, September 1917.
Richtung und Stärke des Windes verursacht werden, sondern darin, daß sich dort
das Hochwasser nicht wie im Ozean um 50 Minuten und 28 Sekunden täglich ver-
spätet, sondern durchschnittlich nur um die Hälfte, so daß in Zwischenräumen
von 24 Stunden 24 Minuten zwei Hochwasser und zwei Niedrigwasser auftreten
und ferner, daß am 10. und 25. Tage einer Lunation eine Vertauschung der Flut-
stunden eintritt. Diese Beobachtungen hielt Krümmel für nicht erwiesen. Tat-
sächlich sind sie aber, wie Endrös auf graphischem Wege nachwies, in den
Miaulisschen Beobachtungen enthalten und bilden die Hauptursache der jeweiligen
Niveauunterschiede nördlich und südlich der Meerenge, welche die Strömungen
in der Meerenge zur Folge haben.
Als Ursachen des jeweiligen Niveauunterschiedes nördlich und südlich der
Enge findet Endrös folgende Faktoren: 1. Verschiedenheit des Gezeitenphänomens
nördlich und südlich der Enge, 2. das Auftreten von Seiches und 3. meteorologische
Einflüsse, vor allem jenen des Windes. Diese drei Punkte wollen wir der Reihe
nach besprechen.
a) Gezeiten. Die Miaulisschen Beobachtungen erstrecken sich über die Zeit
vom 8. April bis 7. Mai 1872; es sind halbstündige Ablesungen des Wasserstandes
von 6b früh bis 6h abends im Nord- und Südhafen von Chalkis. Die Gezeitenkurven
des Nordhafens verlaufen außerordentlich regelmäßig, da die auftretenden Seiches
immer nur kleine Amplituden besitzen. v. Sterneck ermittelte aus den Eintritts-
zeiten von Hoch- und Niedrigwasser als Hafenzeit für Chalkis Nord 4°6h M. E. Z,,
als Hafenzeit für Chalkis Süd 3'4b M. E.Z. Als Periode der vereinigten Halbtags-
gezeiten in Chalkis (Nord) ergibt sich aus den Eintrittszeiten zur Zeit der Syzygien
auf graphischem Wege 12°23 Stunden; die zweite Dezimale dürfte noch exakt sein.
Miaulis hatte aus seinen Beobachtungen den Wert 12:20 Stunden abgeleitet, den
Krümmel für nicht einwandfrei ansah. v. Sterneck hat bereits früher theo-
retisch gezeigt, daß sich bei dieser Periode, für das Amplitudenverhältnis S,: M,
den Wert nach der Gleichgewichtstheorie vorausgesetzt, ein Betrag von 12:28 Stunden
ergibt, der mit der aus 14 in allen Teilen des Mittelmeeres verteilten Stationen ab-
geleiteten Periode völlig übereinstimmt. Chalkis Nord zeigt gegenüber diesem Werte
nur eine Abweichung von 0:05 Stunden, d.i. 3 Minuten, was wohl beweist, daß
Krümmels Einwand unbegründet war.
Aus den Miaulisschen Beobachtungen leitete Endrös die Amplituden der
drei wichtigsten Halbtagstiden ab und erhielt für M, = 23 cm, für 5, = 17 cm
und für K, = 7 cm. v. Sterneck wiederholte diese Berechnung, zog dazu aber
nicht bloß die in die Umgebung der Äquinoktien oder Solstitien fallenden Beob-
achtungen, sondern auch die übrigen zur Zeit der Syvzygien oder Quadraturen be-
obachteten Hubhöhen heran. Er fand
My == 23:5 -+ 08cm, Sı= 1504 0Scm und K,=5 4-12 cm,
Für das Verhältnis S, : M, folgt daraus der Wert 0:64 + 0:04; er übersteigt zweifellos
den der Gleichgewichtstheorie entsprechenden Normalwert von 0:46 beträchtlich.
Für K, : S,, wofür 0:27 der Normalwert ist, findet man 0:36 + 0:08; die Abweichung
liegt noch innerhalb der Fehlergrenze. M, hat eine Periode von 12:42 Stunden,
S, und K, nahezu die gleichen Perioden, nämlich 12:00 und 11:97 Stunden. Aus
diesen Komponenten setzen sich die Halbtagsgezeiten zusammen. Zur Zeit der
Syzygien, von welcher Zeit die Miaulisschen Beobachtungen stammen, kommt M,
voll zur Geltung, von S, und K, jedoch nicht die ganze Summe, sondern nur ein
Teil. nämlich
8, + K. cos TOUF = 8 40407 Ku
weil die Mitte der Beobachtungsperiode (23. April) 33 Tage vom Äquinoktium absteht.
Zur Zeit der Beobachtungen setzen sich also die Halbtagszeiten aus einer
Komponente mit der Periode 12:42 Stunden und einer Amplitude 8 == 23:5 cm
und aus einer zweiten mit der Periode 12:00 Stunden und einer Amplitude b =
17:2 cm zusammen. Die Periode der resultierenden Welle ergibt sich hier aus zu
T — 12:24 Stunden, in völliger Übereinstimmung mit dem aus den Eintrittszeiten
empirisch gefundenen Wert von 1223 Stunden. Alle Erscheinungen der Halb-
tagysgezeiten müssen sich aus diesen Konstanten ergeben und sind daher nicht als