328 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, September 1917,
lokale Windänderung in derselben Beziehung zu den Isallobaren steht wie der
Wind zu den Isobaren. Wir betrachten es auch als erwiesen, daß die aus den
Isallobarenkarten abgeleiteten Karten der lokalen Windänderung viel zuverlässiger
sind als solche, die auf Grund der Windbeobachtungen zu zwei kurz nach-
einander folgenden Zeiten gezeichnet werden können. Denn für die letzteren
Karten werden die großen Beobachtungsfehler eine ausschlaggebende Rolle
spielen, und wir erhielten deswegen erst dann eine gute Befriedigung der
Gleichung (3b) und (4b), wenn wir mit Hilfe mühsamer Ausgleichungsverfahren
den Einfluß der zufälligen Fehler bedeutend verringert hatten.
Zur physikalischen Bedeutung des hier ausgesprochenen Satzes sei er-
wähnt, daß er Ausdruck einer Trägheitserscheinung ist. Die Luftmassen be-
wegen sich unter dem Einfluß veränderlicher Kräfte und werden deswegen
immer beschleunigt sein, und zwar wird in erster Annäherung die hier ent-
wickelte Beziehung zwischen der Änderung der Kräfte und der Änderung der Ge-
schwindigkeit bestehen. Wir haben hier nicht den Fall berücksichtigt, daß die
Beschleunigungen in Verbindung mit einer oszillierenden Luftbewegung auf-
treten. Es läßt sich zeigen, daß dann der Ansatz (2b), Sn ax = 0, nicht mehr
berechtigt wäre, so daß die hier nachgewiesene Beziehung nicht bestehen würde.
Das ist unmittelbar einleuchtend, denn eine oszillatorische Luftbewegung ist
möglich, wenn das Druckfeld zeitlich unveränderlich bleibt ( =— 0) und sie ist
gerade unter dieser Bedingung von Exner mathematisch behandelt worden‘).
Die Tatsache, daß wir die Berechtigung des gemachten Ansatzes bestätigt ge-
funden haben, zeigt, daß die freien Schwingungen jedenfalls in den von uns be-
handelten Fällen keine Rolle spielen?), wir haben es nur mit Beschleunigungen
zu tun, die in Verbindung mit der Änderung der Kräfte auftreten.
Die hier gewonnenen Ergebnisse dürften vielleicht nicht ohne Bedeutung
für die tägliche Wettervorhersage werden. Die Grundlage derselben bilden die
Wetterkarten für 8: V und die Karten der Änderungen der meteorologischen
Elemente in den vorhergehenden Zeiträumen. Besonders spielen jetzt die
Isallobarenkarten für die letzten drei Stunden, die Karten der Barometer-
tendenz, eine nicht geringe Rolle, weil sie Aufschluß über die kurz vorher-
gegangenen Druckänderungen geben, aus denen man durch Extrapolation auf
die kommenden schließen kann. Aus diesen Karten kann man aber nun Karten
der lokalen Windänderungen in den letzten drei Stunden ableiten, ohne neue
Beobachtungen "hinzuzuziehen, denn die Stromlinien der Windänderungen bilden
überall einen bekannten Winkel mit den Isallobaren, und ihre absolute Größe ist
umgekehrt proportional den Abständen derselben®), Die Windänderung erhält
man als einen Vektor, dessen Richtung und Größe die Drehung und die Zu-
oder Abnahme des Windes angeben. Die Karten stellen sicher dort, wo die
Isallobaren dicht liegen, ein richtiges Bild der lokalen Windänderungen in den
letzten drei Stunden dar und dürften deswegen eine wertvolle Ergänzung der
Kenntnisse von den kurz vorhergegangenen Änderungen der meteorologischen
Elemente liefern.
Holtsmark und ich haben auch zeigen können, daß man, wenn die lokalen
Windänderungen groß sind, sie zuweilen zur Vorausberechnung des Windes ver-
') F. M. Exner: Über oszillatorische Bewegungen der Luft. Ann. d. Hydr. u. marit. Meteor,
41, S. 145, 1913, N
2) Vgl. Th. Hesselberg: Über oszillatorische Bewegungen der Luft. Ann, d. Hvdr. u.
marit. Meteor, 43, S. 311, 1915.
3) Für das mittlere und westliche Deutschland kann man den Ablenkungswinkel gleich etwa
45° setzen und für die Größe der Windänderungen in ihrer Abhängigkeit von den Abständen der
JIsallobaren die folgende Regel aufstellen: In einer Karte im Maßstab 1: 10000000, in der die Isallo-
baren mit einem Intervall von 1 mm Hg gezeichnet sind. entspricht einem Abstand derselben von
4 cm eine Windänderung von 1 cm/sec in dem Zeitraum, auf welchen sich die Isallobaren beziehen,
einem Abstand von 2 cm eine‘ Windänderung von 2 cm/sece, von lem eine von 4 m/sec usw. Wenn
der Maßstab der Karte ein anderer ist, müssen die Zahlen entsprechend geändert werden, z. B. in
einer Karte in dem Maßstab 1:20000000 wird man eine Windänderung von 1 em/sec dort haben, wo
der Abstand der Isallobaren !/, em ist usw.