298 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, August 1917.
ist folgerichtig an Bord als Fehlweisung zu bezeichnen. Es handelt sich für die
Kursbeschickung hier nur um den Fahrtfehler. Einem Gebrauch dieses
Wortes neben »Fahrtfehlweisung« steht wohl nichts im Wege.
Für die übrigen im Kompaßwesen zu gebrauchenden Bezeichnungen ist
das Bedürfnis zu einer Einigung nicht gleich dringend, da keine so sehr zur
Scheidemünze des täglichen Dienstes an Bord gehört, wie die Kursbeschickungen.
Trotzdem möchte ich eine Vereinbarung über einige weitere Begriffe vor-
schlagen, weil dadurch manche Unklarheiten zu beseitigen wären, die in den
Lehrbüchern vorkommen und erfahrungsgemäß dem Lernenden unnötige Schwierig-
keiten schaffen.
Richtkraft.
Neben der Deviation, die unmittelbar für die Schiffsführung gebraucht
wird, ist auch die Größe der magnetischen Kraft, die der Kompaßrose ihre
Richtung anweist und sie bei Ablenkungen nach der Gleichgewichtslage zurück-
treibt, für das Verhalten des Kompasses an Bord von Bedeutung. Man nennt
sie richtende Kraft oder kurz Richtkraft, Für einen in eisenfreier Umgebung
aufgestellten Kompaß ist die Richtkraft die erdmagnetische Horizontalkraft H;
an Bord kommt zu H noch eine schiffsmagnetische Komponente hinzu, und
der Kompaß steht unter der Wirkung der Resultante H’ dieser beiden Kräfte.
H’ ist je nach dem Kurse verschieden, auf manchen Kursen hat man eine »ver-
stärkte«, auf anderen eine »geschwächte« Richtkraft. Man spricht von einer
»mittleren Richtkraft«, In allen diesen Fällen gebraucht man das Wort »Richt-
kraft« im Sinne der von außen auf dieRose wirkenden magnetischen Kraft.
In diesem Sinne ist das Wort »Richtkraft« auch in vielen Büchern aus-
drücklich erklärt, so in der 1. Auflage des Buches »Der Kompaß an Bord«,
herausgegeben, von der Deutschen Seewarte‘), in Rottok, Deviationstheorie, in
den Lehrbüchern der Navigation, die vom Reichs-Marine-Amt herausgegeben
sind, ferner in Stupar, Terrestrische Navigation, und in der 9, Auflage von
Breusings Steuermannskunst (1913).
Es sollte m. E, nur in dem angegebenen Sinne gebraucht werden, Leider
wird aber in anderen Büchern mit dem Worte »Richtkraft« etwas anderes be-
zeichnet, nämlich das Produkt HM der von außen auf die Rose wirkenden
magnetischen Kraft H (an Bord H’), und des magnetischen Momentes M der
Kompaßrose. Diesen Gebrauch des Wortes Richtkraft finden wir im Lehrbuch
von Albrecht und Vierow, im Bolteschen Handbuch, in früheren Auflagen
von Breusings Steuermannskunst und auch noch in dem von mir heraus-
gegebenen Kompaß-Lexikon. ,
Wahrscheinlich liegt eine Übersetzung des in der Physik üblichen Aus-
druckes »Direktionskraft« vor. Ich halte die Bezeichnung des Produktes H M
als Richtkraft für schlecht gewählt, weil sie physikalisch falsch ist, außerdem für
unpraktisch, weil sie im Kompaßwesen zu Weiterungen und leicht auch zu
Irrungen Veranlassung gibt. Zur Begründung sei folgendes angeführt:
Das Produkt H M stellt physikalisch nicht eine Kraft, sondern ein Dreh-
moment vor, nämlich das Drehmoment, welches die um 90° aus der Gleich-
gewichtslage abgelenkte Rose erfährt?).
Weiterungen entstehen, sobald man von der Bedeutung der Richtkraft
4) Seite 50 heißt es: »Der Kompaßrose weist die Richtkraft, d.h. die Summe der auf sie
wirkenden, außerhalb ihrer selbst gelegenen magnetischen Kräfte, die Richtung an, in welcher sie zu
verharren und zu welcher sie, wenn daraus abgelenkt, zurückzukehren hat.« In der 2, Auflage des
Werkes (1906) ist diese ausdrückliche Erklärung leider fortgelassen.
?) Der allgemeine Wert des Drehmomentes der um einen Winkel x aus der Richtung von H
abgelenkten Nadel ist bekanntlich MH sin «. Recht bedenklich ist, was in der neuesten Auflage von
Albrecht und Vierow, Lehrbuch der Navigation, bei der Einführung der »Richtkraft« gesagt wird:
„Es ist nun einleuchtend, daß die Nadel um so schneller schwingen wird, je größer einerseits die
magnetische Kraft der Erde ist, unter deren Einflusse die Nadel schwingt, und je größer anderseits
das magnetische Moment der Nadel ist. Das Produkt der beiden genannten Kräfte (!) heißt die
Richtkraft der Nadel, und diese Kraft ist es, die die abgelenkte Nadel nach einer Anzahl von Schwin-
yungen (!) wieder in die Ruhelage zurückführt«.