Meldau, H.: Vereinheitlichung der Rechenmethoden und der Bezeichnungen in der Nautik usw. 297
man trotzdem die Bezeichnung »Mißweisung« für den Winkel der Rose gegen
den Erdmeridian zunächst bei. In dieser Zeit, noch um die Mitte des vorigen
Jahrhunderts, gebraucht man also das Wort »Mißweisung« (ohne Zusatz) für den
unter c) genannten Winkel. Hätte man sich nun gesagt, daß der Begriff MiB-
weisung nicht mehr mit dem der magnetischen Deklination zusammenfalle, daß
man vielmehr Mißweisung = Deklination + Deviation zu setzen habe, so hätte
man zwar ein Fremdwort mehr gehabt, es wäre aber alles klar und die Be-
zeichnung einfach gewesen. ;
Die geschichtliche Entwicklung hat jedoch zu komplizierten Benennungen
geführt. Als sich im Laufe der Zeit eine klare Scheidung der Begriffe c) und a)
mehr und mehr als nötig herausstellte, machte man zu der Mißweisung im Sinne
von c) Zusätze wie »des Steuerkompasses« bzw. des »Peilkompasses«1!) oder nannte
sie »gültige MiBßweisung«”), in neuerer Zeit meist »Gesamtmißweisung«, im Gegen-
satz zu der »Mißweisung« im Sinne von a), die entweder als »Mißweisung am
Orte«, »Ortsmißweisung« oder als »reine Mißweisung« bezeichnet wurde,
Die so geschaffenen zusammengesetzten Bezeichnungen für die Begriffe a)
und c) haben nun aber nicht etwa den Ausdruck »Mißweisung« (ohne Zusatz)
verschwinden lassen, dieser ist vielmehr zu neuem Leben erwacht und’in seine
alte Gleichbedeutung mit magnetische Deklination zurückverschoben, ;
Wie kommen wir nun gegenüber dieser historischen Sachlage zu einer
einfachen klaren Bezeichnung für die Zukunft? Den Anschluß jetzt nachträg-
lich bei der oben als verpaßt gekennzeichneten historisch gegebenen Gelegenheit
zu suchen, würde recht bedenklich sein, Dazu ist das Wort »Mißweisung«
(ohne Zusatz) jetzt zu eng mit dem Begriff a) verbunden, Auch spricht die
Ähnlichkeit der Worte Deviation und Deklination dagegen, abgesehen davon,
daß viele der Einführung dieses Fremdwortes abgeneigt sein werden, _
Wenn wir »Mißweisung« für den Begriff a) beibehalten, so ist ein neues
Wort für den Begriff c) einzuführen. Die Kaiserliche Marine hat diesen Schritt
getan und das Wort Fehlweisung gewählt. Ich halte diese Wahl für glück-
lich, das Wort drückt dasselbe aus, was man ausdrücken wollte, als man früher
das Wort »Mißweisung« vom Begriff a) auf den Begriff c) hinüberschob, ohne
viel daran zu denken, daß man damit den Begriff a) seines kennzeichnenden
Wortes beraubte. Ich möchte daher vorschlagen, daß auch in der Handelsmarine
die Formel
| Fehlweisung = Mißweisung + Deviation (Ablenkung)
oder in Abkürzung W .
F=M+ö
angenommen wird), .
Mit der Annahme der Marinebezeichnung würden die zusammengesetzten
Benennungen hinfällig werden. Zu begrüßen. wäre vor allem die Ausmerzung
des aus dem Englischen übernommenen Wortes »Variation«. Im Deutschen be-
deutet Variation die Veränderung einer Größe und in diesem Sinne wird das
Wort auch von der erdmagnetischen Wissenschaft gebraucht. .
Auch die Abweichung der Kreiselkompaßachse aus dem Erdmeridian
!) So in dem Lehrbuch von Albrecht und Vierow bis zur letzten Auflage (1913). .
% So in der Breusingschen Steuermannskunst, Während in der 1. Auflage (1857) und in
der 2, Auflage (1864) in den Beispielen immer nur die »Mißweisung« im Sinne von c) berechnet wird,
tritt in der 3. Auflage (1871) eine klare Scheidung auf mit den Worten: »Ist man nicht sicher, daß
örtliche Ablenkung stattfindet, so darf man auch die reine Mißweisung nicht als die „gültige“ an-
sehen, die sich vielmehr aus der reinen Mißweisung und der örtlichen Ablenkung zusammensetzt.«
Wenn Breusing hinzufügt: »Nicht in der Bestimmung der reinen Mißweisung und der ört-
lichen Ablenkung besteht die Aufgabe des Schiffers, er hat seinen Zweck erreicht, wenn er die
für jeden Kurs gültige Mißweisung bestimmt hat«, so spricht er damit ein starkes Argument für
eine rechtweisende Führung der Navigation aus, ohne allerdings an dieser Stelle zu berücksichtigen,
daß im Hinblick auf die Zukunft und die Zeit, in der keine astronomischen Beobachtungen möglich
sind, eine Spaltung der »gültigen Mißweisung« in »reine Mißweisung« und »örtliche Ablenkung« auch
für den Schiffsführer durchaus nötig ist.
3) Für die Bezeichnung Fehlweisung spricht noch, daß man für diese Größe an Bord vieler
Handelsschiffe schon früher aus dem offenbaren Bedürfnis nach einer kurzen Bezeichnung das ähnlich
Jautende Wort »Fehler« eingeführt hat,
Ann. d. Hydr. usw. 1917. Heft VII