9214 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juni 1917,
örtliche Beschränkungen nicht verträgt. Das ist eben die von der Sonne und dem
Mond ausgehende Massenanziehung. Die Wirkung beider Himmelskörper auf unsere
Atmosphäre ist eine überraschend gleichartige. Abgesehen von gewissen Ab-
weichungen, die mit dem Sonnenumlauf verknüpft sind und die wohl zum Teil auf
die Sonne als wärmestrahlenden Körper zurückzuführen sein mögen, dürften sich
darüber als Hauptergebnisse unseres Kartenvergleichs die drei folgenden Sätze
aussprechen lassen: .
ll. Bewegen sich die Sonne und der Mond auf der südlichen
Himmelshalbkugel, so hat ein jeder der beiden Körper das Bestreben,
in Nordeuropa eine Erniedrigung und in Südeuropa eine Erhöhung
des Barometerstandes hervorzurufen.
2. Erscheinen diese Gestirne auf der nördlichen Himmelshälfte,
dann ist das Umgekehrte der Fall, nämlich Steigerung des Luftdrucks
im Norden und Herabsetzung desselben im Süden unseres Erdteils,
3. Bei der Überquerung des Äquators ist die Wirkung beider
Himmelskörper von der Richtung ihrer Bewegung abhängig: auf-
steigend suchen sie über dem gesamten europäischen Gebiet den
Luftdruck zu verringern, absteigend zu erhöhen.
Das zuletzt ausgesprochene Ergebnis läßt nun noch eine Vergleichung der
von Sonne und Mond ausgehenden Kräfte zu, die im Anschluß hieran ausgeführt
werden soll. Wenn die Luftdruckänderungen, wie wir oben gesehen haben, im Norden
beginnen, so darf wohl angenommen werden, daß sowohl während des Sonnen-
wie auch während des Mondumlaufes eine Verlagerung der Luftmassen von den
Polargegenden nach dem Süden hin statthat. Nicht allein bei der absteigenden,
sondern auch bei der aufsteigenden Aquatorüberquerung durch Sonne und Mond
treten. hiernach über Europa Atmosphärenteile auf, welche sich vorher in kälteren
Gegenden hoch im Norden befunden haben. Es ist also nicht anzunehmen, daß
die Luftschichten Europas zur Zeit des südnördlichen Äquatorübergangs von Sonne
und Mond eine wesentlich andere Beschaffenheit in bezug auf Wassergehalt oder
Wärmezustand besitzen sollten als beim Übertritt der beiden Himmelskörper von
der nördlichen auf die südliche Halbkugel. Die Verschiedenheit des Luftdrucks
über dem europäischen Kontinent ist daher nur erklärlich durch eine tatsächlich
eintretende teilweise Ausschöpfung bzw. durch eine wirkliche Wiederauffüllung
des Luftmeeres über unserem Erdteil zur Zeit der einen oder anderen Gestirnstellung.
Diesen während der beiden Umläufe erzeugten mittleren Luftdruckunterschied
können wir nun nutzbar machen für einen Vergleich der in jedem Fall wirkenden
Kräfte. Die dazu nötigen Daten lassen sich den Tabellen 25 und 27 entnehmen.
Nach ihnen ist für die 32 untersuchten Örter Europas, in Hundertstelmillimeter
angegeben, die Summe aller Luftdruckunterschiede im März und September 9625,
in den entsprechenden Mondstellungen k und e 1651 oder in den Stellungen a und f
3439, im Mittel für den Erdtrabanten 2545. Die Wirkung der Sonne erscheint hier-
nach im Durchschnitt fast viermal so stark wie die des Mondes.
Will man indessen die wirklich tätigen Kräfte beider Himmelskörper mit-
einander vergleichen, so hat man dabei noch die Zeit, in welcher die wahrgenommene
Wirkung sich äußert, mitzuberücksichtigen. Bei beiden Gestirnen kommt für die
Erzeugung der angegebenen Druckdifferenz jedesmal als Wirkungsdauer ihre halbe
Umlaufszeit um die Erde in Betracht, also für die Sonne 182.6, für den Mond 13.7 Tage,
Dividieren wir mit diesen Zahlen die obigen Beträge und vergleichen dann, so ergibt
sich, daß die vom Monde ausgehende Kraft 2.29 oder 4.76, im Mittel 3.52 mal so
groß ist wie die der Sonne.
Von diesen während des jährlichen Umlaufs der Sonne und des monatlichen
Mondumlaufs eintretenden Kraftwirkungen dürfen wir wohl auch schließen auf die
Erscheinungen, welche während der beiden täglichen Umläufe dieser Himmels-
körper um die Erde in unserer Atmosphäre statthaben müssen. Es sind das die
Ebbe- und Flutwirkungen in ihr. Für Sonne und Mond sollen diese nach Berech-
nungen, welche sich auf das Attraktionsgesetz gründen, im Verhältnis 1: 2.28 stehen.
Diesem Wert kommt fast gleich unser erstgenannte Betrag, während der zweite
gut doppelt so groß erscheint. Als eigentliches Ergebnis dieser Untersuchung ist
aber das Mittel beider Werte anzusehen. Wir geben dem Ausdruck in dem Satze: